Bilder, die mich zum Weinen bringen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

27.03.2003

Quelle

Münchener Abendzeitung

Autor / Interwiever

Torsten Fricke

Konstantin Wecker will Waisenkinder aus dem Irak bei sich aufnehmen

München. Alle Proteste und Friedens-Appelle haben nichts genutzt. Im Irak sprechen die Waffen. Besonders betroffen von dem Krieg ist Konstantin Wecker. Noch im Frühjahr war der Liedermacher im Irak, um vor Ort für eine friedliche Lösung zu demonstrieren. Die Abendzeitung hat mit dem engagierten Münchner gesprochen.

Herr Wecker, was fühlen Sie, wenn Sie die Fernsehberichte über den Irak-Krieg sehen?

Konstantin Wecker: Es gibt Bilder, die mich zum Weinen bringen. Die Tatsachen sind so grauenhaft, dass sie alle Propaganda vom chirurgisch-sauberen Krieg als Lüge enttarnen. Es ist schrecklich zu ahnen, wie es einem Verletzten in einem Land geht, in dem es kaum noch Medikamente, geschweige denn Schmerzmnittel gibt.

Sie haben in Bagdad ein Patenkind. Wie geht es Amir?

Ich weiß es nicht - leider. Es gibt keinen Weg, mit seiner Familie Kontakt aufzunehmen. Ich habe ihm kurz vor dem Krieg die Möglichkeit gegeben, zur Schule zu gehen. Das ist jetzt alles hinfällig. Und das erfüllt mich mit grenzenloser Trauer.

Sind Sie auch wütend?

Ja, zum Beispiel als sich US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld auf die Genfer Konvention berufen hat, nachdem die ersten amerikanischen Soldaten in Kriegsgefangenschaft geraten sind. Gleichzeitig weiß die Welt aber, wie die USA Kriegsgefangene in ihrem berüchtigten Camp X-Ray in Guantanamo behandeln. Oder wie sich Washington gegen den Internationalen Strafgerichtshof gewehrt hat.

Die Amerikaner sprechen von einem gerechten Krieg. Und davon, dass sie das irakische Volk vom Joch der Diktatur befreien wollen.

Ich habe mit vielen Menschen im Irak gesprochen. Der Tenor war immer der gleiche: Es gibt eine große Wut auf Saddam Hussein, aber kein Iraker will durch einen Krieg von den USA befreit werden. Wenn die Amerikaner wirklich geglaubt hatten, dass sie jubelnd mit Blumen empfangen werden, dann haben sie sich völlig verrechnet.

Ziel der Amerikaner sind Entwaffung und Regimewechsel. Wäre das auch ohne Krieg gegangen?

Ich glaube ja. Man hätte auf jeden Fall die Waffeninspektionen weiter führen und gleichzeitig das Wirtschaftsembargo aufheben müssen, damit das Volk aus dieser unglaublichen Unterdrückung und aus der wirtschaftlichen Not herauskommt. Und dann hätte man alle demokratischen Kräfte unterstützen müssen, damit die Iraker sich selbst gegen Hussein stellen können.

Gerade gegenüber Deutschen verweisen die Amerikaner auf den Zweiten Weltkrieg, auf die Befreiung von der Nazi-Diktatur und der Einführung der Demokratie.

Wir hören zur Zeit immer nur diese Geschichte. Niemand erinnert uns an andere Beispiele, wie an die deutsche Wiedervereinigung, an das unblutige Ende der Diktaturen im Osten, an Spanien, Portugal und Südafrika. Dort haben sich die Menschen ohne Krieg und Bomben emanzipiert.

Was werden Sie nach dem hoffentlich schnellen Ende des Krieges machen?

Ich befürchte, dass der Krieg noch sehr lange dauern wird. Aber so bald es geht, will ich in den Irak fliegen. Ich habe eine Sehnsucht nach diesem Land. Ich habe dort soviel Freundlichkeit erlebt. Ich möchte mein Patenkind Amir suchen. Und ich möchte konkret helfen.

Wie?

Meine Frau und ich wollen ein oder zwei Waisen-Kinder bei uns daheim aufnehmen. Vielleicht können wir noch andere Waisen vermitteln. Oder ein Kinderheim in München aufmachen. Ich werde deshalb in den nächsten Tag mit der Stadt München sprechen.

Sie sind selbst Vater. Wie erklären Sie Ihrem sechsjährigen Sohn den Krieg?

Ich versuche die Bilder von ihm fernzuhalten. Bis jetzt ist das mir offenbar gelungen. Gott sei Dank.

Torsten Fricke

Anmerkung: Am 28.3.2003 veröffentlicht die "Abendzeitung" Konstantins "Brief an Amir" (siehe "Tagebuch") in seiner Druckausgabe.