Gegen Irak-Krieg - Konstantin Wecker im Konzert

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

09.02.2003

Quelle

Schwäbisches Tagblatt

Autor / Interwiever

Jürgen Jonas

TÜBINGEN (jon). Der Oberbefehlshaber heißt, wie vor einem Dutzend Jahren, wieder Bush (diesmal junior), der Feind Saddam Hussein, es geht immer noch ums Öl. Die Kriegsmaschine wartet auf den Knopfdruck. Und wieder ist es so, "als ob Menschen keine Rolle spielten. Dagegen richteten sich "Stimmen für den Frieden gegen einen Irak-Krieg", die sich am Montagabend im vollbesetzten Festsaal erhoben.
Die vor zwölf Jahren am selben Ort gegründete Gesellschaft "Kultur des Friedens" legte einen "Bericht von der Friedensdelegation in den Irak" vor, an der auch der Liedermacher Konstantin Wecker teilgenommen hatte. Man war, so Henning Zierock, "als Eisbrecher in ein Land unter Quarantäne" geflogen, um "dort die Bevölkerung zu treffen" und darauf "hier Protest zu erheben", mit dem Ziel, den Kriegsautomatismus zu unterbrechen.

Zierock forderte, "jegliche Unterstützung eines Angriffskrieges zu unterbinden". "Das alte Europa", und hier "gerade Tübingen mit seiner geisteswissenschaftlichen Tradition", müsse gegen das "neue, militarisierte Europa" aufstehen. An Hans Küng erging die Mahnung, nach England zu reisen, um seinen Weltethos-Gast Tony Blair "vom Kriegskurs abzubringen". Die Universität solle auch nicht mehr mit dem Bild des britischen Premiers werben: "Das gibt ein schlechtes Image."

Konstantin Wecker habe er, meinte Zierock, mit der Irak-Reise "von der Bühne herunter direkt ins Leben geholt". Unterstützt von Diabildern schilderten beide Stationen des Aufenthalts. Wecker: "In Bagdad geht es ziviler zu als in den Straßen von Los Angeles", man habe dort Menschen getroffen, wo in der Propaganda "immer nur von Zahlen, Statistiken und strategischen Zielen" die Rede sei.

Besonderen Beifall erhielt seine Aussage: "Jedes einzelne Menschenleben ist unendlich viel wert." Sonntagsrednerisch unkonkret blieb das nicht: "Der Irak ist nicht mit dem Diktator Hussein gleichzusetzen", deshalb müsse das "entsetzliche, mörderische Embargo" umgehend verschwinden. Im Irak und in der Region "zwangsweise Demokratie einzuführen", sei keineswegs der richtige Weg.

Für schlechthin unerlaubt erklärte Wecker jedwede Resignation vor der Übermächtigkeit der Kriegstreiberei: "Wenn man sagt, es hat ja keinen Sinn, dann hat es wirklich keinen Sinn." Vielmehr müsse es "einen Dialog im Respekt vor dem andern geben". Es gehe darum, "negative Energie in positive Energie der Versöhnung zu verwandeln" sowie "dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten und das Unmögliche möglich zu machen".

Felicia Langer, Trägerin des "Alternativen Friedensnobelpreises", sprach als "Kriegskind" gegen den Krieg, bei dem es nicht nur ums Öl, sondern ebenso um die "Herrschaft in der Region, um Militärbasen und um Gewinne für die Rüstungsindustrie" gehe. Bush wolle den Krieg auch, "um von innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken, Herta Däubler-Gmelin hatte völlig Recht mit ihrer Analyse".

Langer prangerte den "kolonialen Siedlungskrieg" der Scharon-Regierung an, es dürfe nirgendwo mit zweierlei Maß gemessen werden: "Doppelte Moral ist keine." Nie sei die Friedensbewegung vor einem Krieg so geschlossen gewesen wie jetzt. Für Langer ist die weltweite Bewegung gegen den Krieg "die Hoffnung der Zukunft".

Dann setzte sich Wecker an den Flügel und bot dem nach allen Richtungen hin gemischten Publikum einen Querschnitt durch sein Werk. Sprach "Im Namen des Wahnsinns", bedauerte "olt zu wern", intonierte den "Waffenhändlertango", trug das Lied "Schon so lang" seines Freundes Hannes Wader vor, zog ein "Sommertag"-Lied aus seiner Anfangszeit hervor, widmete den Geschwistern Scholl einen Text, hämmerte "Sag Nein!" in die Tasten und legte als Zugabe das "Liebeslied im alten Stil" obendrauf.

Wecker hatte sich, Fangetrampel im Ohr, schon fortsetzungswillig die Ärmel hochgekrempelt, da beendete der Veranstalter das Konzert. Denn: "Man muss den Konstantin vor sich selber schützen."

Die Menge wurde nicht entlassen ohne die Aufforderung, zur Unterstützung einer "Kulturbrücke in den Irak" zu spenden, an der Stuttgarter Demonstration am 15. Februar teilzunehmen und auch in München gegen die NATO-Tagung zu protestieren.