Begegnungen: "Kunst hat keine Berührungsängste"

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

09.02.2003

Quelle

Islamische Zeitung

Konstantin Wecker über seine Irakreise, neue Erfahrungen und das alltägliche Bagdad

Konstantin Wecker wurde am 1.6.1947 in München geboren. In seiner Jugendzeit nahm er Klavierunterricht und wirkte in verschiedenen musikalischen und theatralischen Produktionen mit. In den siebziger Jahren machte Wecker sich einen Namen als eigenständiger Künstler, seitdem veröffentlicht er regelmäßig Schallplatten und tritt während europaweiter Tourneereisen auf. Später nahm er auch Rollen in Film und Fernsehen an bzw. schrieb die Musik zu diversen Produktionen. Seit dem Beginn seiner öffentlichen Karriere hat sich Wecker immer auch in Fragen von gesellschaftlichem Belang eingemischt und gilt in Deutschland als einer der engagiertesten Künstler. In letzter Zeit kam er wegen seiner Reise in den Irak und seines Protests gegen einen möglichen Angriff auf den Irak bundesweit ins Blickfeld der Öffentlichkeit.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Wecker, was kann Kultur in Zeiten des Krieges ausrichten?

Konstantin Wecker: Kultur ist die einzige Chance für einen Frieden, denn sie beruht auf Dialog und Begegnung und es gibt keinen Frieden, der nicht auf Dialog gebaut ist.

Islamische Zeitung: Was heißt in diesem Kontext "Dialog" für Sie?

Konstantin Wecker: Damit meine ich im schönsten Sinne des Wortes einen sokratischen Dialog, ein miteinander sprechen, um etwas Gemeinsames zu erreichen. Im kulturellen Sinne ist dieser Dialog mit Künstlern natürlich eine Wirklichkeit. Am einfachsten ist er in der Musik, da die Musik eine nonrationale Sprache spricht. Natürlich gehört dazu auch der Dialog mit Intellektuellen. Wie nötig dieser ist, habe ich auf meiner Reise in den Irak und bei meinem Aufenthalt in der Türkei gemerkt. Zum Dialog gehört vor allen Dingen auch, dass man sich in die Meinungen des Anderen hinein versetzt. Obwohl ich mir vor meinen Reisen einiges angelesen habe, haben mich die persönlichen Erfahrungen auf dieser Reise viel mehr bereichert.

Islamische Zeitung: Wie bilanzieren Sie Ihren Aufenthalt in Bagdad?

Konstantin Wecker: Der wichtigste Eindruck war zweifellos, dass aus abstrakten Zahlen Menschen wurden. In Kriegszeiten spricht man immer von Zahlen; Opfer werden in Zahlen ausgedrückt. Wenn man diesen "potentiellen Zahlen" ins Angesicht blicken kann, hat das ein ganze andere Auswirkung. Die zynische Bemerkung der damaligen US-amerikanischen Außenministerin Madeleine Albright, wonach "die Operation im Irak den Tod von einer halben Million Kinder wert gewesen ist", treibt einen zu Wutausbrüchen, wenn man dann einmal diesen Kindern begegnet ist. In den letzten Wochen wird das zwölfjährige Embargo gegen den Irak überhaupt erst thematisiert. Unsere Reise hat, gerade weil sie in den Medien angegriffen worden ist, wirklich etwas in dieser Hinsicht bewirkt. Man muss in solchen Fällen handeln.

Islamische Zeitung: Planen Sie, Ihr Engagement in dieser Frage und Ihre Erfahrungen im Irak auf die eine oder andere Art künstlerisch zu verarbeiten, oder trennen Sie Ihr Engagement in der Friedensarbeit von Ihrer künstlerischen Arbeit?

Konstantin Wecker: Das gehört schon zusammen. Ich möchte gerne eine CD machen, die sich vor allen Dingen mit anderen Kulturen beschäftigt. Bei meiner Reise in die Türkei habe ich in Ankara zum ersten Mal in meinem Leben zwei türkische Lieder gesungen und die Leute spürten, auch wenn dies für mich vollkommen neu war, den Respekt vor ihrer Kultur. Im Irak habe ich bei einem Auftritt mit einem Udspieler zusammen Musik gemacht, auch wenn Klavier und das Ud nicht wirklich zusammen passen. Ich würde gerne hier in Deutschland etwas mit irakischen Musikern machen, obwohl es zur Zeit schwierig sein dürfte, dies mit Künstlern zu tun, die direkt aus dem Irak kommen. Ich finde, die heutige Popmusik ist langweilig und sie braucht sicherlich Einflüsse aus der "Worldmusik", um diesen Zustand zu ändern.

Islamische Zeitung: Was ist "Worldmusik"?

Konstantin Wecker: Das meint die musikalische Mischung von den unterschiedlichsten Einflüssen der verschiedenen Kulturen. Wenn Sie einen arabischen Musiksender anschauen, dann werden Sie sehen, wie die Araber problemlos ihre musikalische Tradition mit der des Westens zusammen bringen.

Islamische Zeitung: Wie schätzen Sie die Situation in der Region im Zusammenhang mit den Angriffsplänen ein?

Konstantin Wecker: Die Erfahrungen, die wir nach der Militärkampagne in Afghanistan gemacht haben, sollten uns eine gute Lehre sein. Dort hat man auch geglaubt, dass mit dem militärischen Ende des Talibanregimes die Demokratie einziehen wird. Ein Blick auf die Wirklichkeit belehrt uns eines Besseren, wenn man sieht, wie die unterschiedlichen Warlords sich weiterhin in dem Land bekriegen. Ebenso ist es absurd, von der Demokratisierung eines Landes zu sprechen, wenn im näheren Umfeld Diktaturen frei handeln können. Schauen Sie mal nach Usbekistan und sagen Sie mir, wie demokratisch die Zustände in diesem Land sind. Aber dessen Diktator stellt militärische Stützpunkte zur Verfüngung. Das selbe trifft auf den Irak zu, der ja ebenso von diktatorischen Regimen umgeben ist. Es ist sicherlich wünschenswert, dass Demokratisierunsprozesse in der arabischen Welt stattfinden, wer aber glaubt, dies mit Hilfe einer Zwangsdemokratisierung bewerkstelligen zu können, der ist auf dem Holzweg. Die bisherige Taktik der Alliierten war es, das irakische Volk verelenden zu lassen, damit es sich gegen Saddam Hussein erhebt. Was sollte wohl daraus entstehen: Demokratie? Ohne Schulbildung, ohne Begegnung mit anderen - wir hatten eben über den Dialog gesprochen - gelingt das nicht, denn Demokratie braucht emanzipierte Menschen. Ich schließe mich inhaltlich der linken irakischen Opposition des Iraks an, wenn sie sagt: "Der Sturz des irakischen Regimes ist ausschließlich Sache des irakischen Volkes."

Islamische Zeitung: Stichwort Maischberger-Interview im ZDF - Man wirft Ihnen ja vor, dass Sie eine Grenzüberschreitung mit der Reise nach Bagdad gemacht haben. Wir haben es wie Sie als höchst widersprüchlich erfahren, dass gleichzeitig eine Industrieausstellung in Bagdad stattfand. Möchten Sie dies kommentieren?

Konstantin Wecker: Vor allen Dingen müssen wir auch auf Deutschland Druck ausüben, weil das "Nein" der Bundesregierung keine echte Ablehnung ist, denn es basiert eher auf wirtschaftichen Interessen und nicht weil es ein Anliegen der Regierung ist, Kriege wirklich zu verhindern. Sonst hätte man sich in Fragen der Überflugrechte oder der Stationierung von ausländischen Truppen viel konsequenter verhalten. Ich schließe mich der rotgrünen Regierung auch deshalb nicht an, weil unser Land im kriegerischen Denken verhaftet ist. Ohne einen generellen Wechsel im Denken können wir auch keine friedliche Politik betreiben.

Islamische Zeitung: Wie beurteilen Sie die bellizistische Haltung, die ja unter Teilen der deutschen Linken durchaus auch ihre Anhängerschaft hat?

Konstantin Wecker: Die bellizistische Rhetorik ist unmenschlich und vereinfachend. Freunde aus der türkischen Friedensbewegung haben in ihrem Papier den imponierenden Satz geprägt: "Wir lehnen Krieg nicht aufgrund von strategischen oder politischen Erwägungen ab, sondern einzig aus humanistischen Gründen". Wenn Bush das Böse bekämpfen will, warum attackiert er irakische und afghanische Frauen und Kinder? Warum werden Zivilisten in Geiselhaft genommen? Ich werde mich mit dem Bellizismus nie über einen ideologischen Weg einigen können. Es sind bestimmte Denkmuster, die eine ungerechte Welt gebaut haben. Wenn wir diesen Zustand ändern wollen, dann müssen wir neue Wege gehen. Der Dialog beginnt nicht auf der politischen Ebene, sondern auf der zwischenmenschlichen Ebene.

Islamische Zeitung: Herr Wecker, können Sie uns kurz die humanitäre Lage im Irak beschreiben?

Konstantin Wecker: Sie müssen sich vorstellen, dass im Falle eines Angriffs die gesamte Wasserversorgung des Landes mit einem Schlag ausgeschaltet sein wird. Die USA haben schon angekündigt, dass sie Waffen einsetzen werden, die die Stromversorgung des Landes ausser Kraft setzen sollen. Die einzige Wasserquelle ist dann das ungereinigte Wasser des Euphrat bzw. des Tigris. Beide Gewässer sind mittlerweile hochbelastet. Wenn ein gut ernährter Mensch aus unserem Land davon trinkt, dann werden ihn die Ärzte hier wahrscheinlich wieder auf die Beine kriegen. Aber für die durch das Embargo ausgehungerten Kinder, die zudem keinerlei Möglichkeit von wirklicher medizinischer Versorgung haben werden, bedeutet das giftige Wasser beider Ströme den sicheren Tod. Humanitäre Organisationen rechnen im Falle eines stattfindenen Angriffes mit "nur" 20.000 direkten Toten unter der Zivilbevölkerung. Allerdings deuten Schätzungen darauf hin, dass als Folge eines vollkommenen Zusammenbruchs der irakischen Wasserversorgung und der medizinischen Einrichtungen bis zu einer Million Menschen ums Leben kommen können; von den Millionen Flüchtlingen, die keines der Nachbarländer aufnehmen möchte, einmal ganz zu schweigen. Als besonders prekär wird die Lage in Bagdad eingeschätzt, welches nach dem Willen der US-Militärs eingeschlossen werden soll. Dies wird zur Folge haben, dass die Krankenhäuser der Stadt nur für höchstens sieben Tage Medikamente zur Verfügung haben werden, da keinerlei Hilfskonvois im Falle einer Belagerung in die Stadt dringen können. Solche Fakten muss man sich vergegenwärtigen und man weiß dann, warum man gegen diesen - und überhaupt gegen jeden - Krieg ist.

Islamische Zeitung: Stellt diese Reise für Sie auch eine Art Begegnung mit dem Islam dar?

Konstantin Wecker: Ja - ich persönlich habe einen Zugang zum Islam durch die Lektüre der gestern verstorbenen Annemarie Schimmel erhalten. Über ihr Buch "Mystik im Islam" wurde mir ein Teil des Islam eröffnet, der mich besonders interessiert, nämlich die islamische Mystik. In ihr treffen sich alle Religionen, denn Gott wird nicht auf einem Altar gesucht, sondern im Inneren. In ihr treffen sich die theistischen Religionen mit dem Buddhismus. Insbesondere die Nähe zwischen dem Christentum und dem Islam in der Mystik berührt mich. Obwohl ich selber nie den Koran gelesen habe, faszinierte mich doch immer die arabische Kultur. Was mich entnervt, ist in diesem Zusammenhang die bornierte Haltung von Medien wie der FAZ ("[...] er sang vor Pfeife rauchenden Handtuchträgern [...]"), deren Ton entlarvend rassistisch ist.

Islamische Zeitung: Wie erfahren Sie die Muslime in München alltäglich? Gibt es Freundschaften?

Konstantin Wecker: Ich habe im Augenblick über meine Arbeit mit Musikern einen regelmäßigen Austausch mit Muslimen. Allerdings sind dies nicht die Muslime, die regelmäßig in die Moschee gehen. Ich kenne Muslime, die sich selbst als "Atheisten" bezeichnen, so wie es Katholiken gibt, die zwar den Glauben nicht teilen, aber trotzdem noch in der Kirche sind. Strenggläubige Muslime selber kenne ich nicht; ich hätte da allerdings keinerlei Berührungsängste.Das was uns gemeinhin als fanatisch erscheint, was seine Ausdrucksform im Islamismus findet, ist eigentlich der Missbrauch der Religion zu politischen Zwecken. Wir dürfen nicht vergessen, dass alle Kriege, die heute geführt werden, jede Art von Terrorismus fördern werden. Der Irak war bisher ein laizistisches Land, aber er wird jetzt eine Art Islamisierung erfahren, die so bisher nicht der Fall gewesen ist. Dies ist ein gefundenes Fressen für alle Arten von Fanatikern.

Islamische Zeitung: Herr Wecker, wir danken Ihnen recht herzlich für dieses Gespräch.