Pendeln zwischen Politik und Poesie

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

10.03.2003

Quelle

Süddeutsche Zeitung

Autor / Interwiever

Armin Gruene

Konstantin Wecker solo in der Stadthalle Weilheim

Ob neuer "Willy" oder alte Hits: Das Publikum liebt den Liedermacher

Weilheim. "Politik ist der Tod der Poesie", sagt er - und ist dennoch angetreten, das Gegenteil zu beweisen. Konstantin Weckers aktualisiertes Soloprogramm am Freitagabend in der fast ausverkauften Weilheimer Stadthalle enthielt von allem etwas: Kabarettistische Tiraden gegen Kriegs- und Börsengewinnler und Agit-Prop für die Friedens- und Demokratiebewegung, melancholische Nabelschau der eigenen Befindlichkeiten sowie ironische bis sarkastische Beobachtungen des alltäglichen Irrsinns und ihrer Protagonisten.
In seiner Impulsivität bemühte sich Wecker gar nicht, die verschiedenen Facetten seines künstlerischen Werks mit einem roten Faden zu verbinden - aber das war in Weilheim auch gar nicht nötig. Das Publikum folgte ihm begeistert, auch wenn es hin- und hergerissen wurde zwischen Lachen und Ergriffenheit. Es lauschte so gebannt und mucksmäuschenstill, dass man jeden Pedaltritt Weckers am Piano vernehmen konnte - um dann nach jedem Statement, Gedicht oder Lied in tosenden Beifall auszubrechen: Wenn es einen Grammy für das dankbarste Publikum gäbe, Weckers Fans hätten ihn verdient.
Dabei ließe sich durchaus kritisch anmerken, dass die politischen Botschaften des mittlerweile 55-jährigen zwar sicher richtig, aber kaum originell sind: Muss man vor Gleichgesinnten gebetsmühlenartig wiederholen, dass Massenmord und Ausbeutung verwerflich, gewaltfreier Protest und Zivilcourage aber "unerlässliches Regulativ einer Demokratie" sind? Wecker ist mit seiner umstrittenen Bagdad-Reise und seinem Auftritt bei der Hauptstadt-Großdemo in die Pole-Position der deutsche Friedensbewegung aufgerückt. Die neuen, für die Veranstaltung am 15. Februar geschriebenen Lieder - eine weitere "Willy"-Version und "Sag nein" - mögen ehrlicher Entrüstung entstammen, wirken aber etwas altbacken-dozierend: "Wenn für unser Wohlbefinden Hunderttausende verrecken, dann ist´s Zeit zu widerstehen gegen alle Schweinereien - sage nein!"
Viel besser gelingt Wecker der subtil-melancholische Blick auf die bundesdeutsche Realität - vielleicht weil seine Seitenhiebe auf Zeitgenossen, -geist und -gespenster meist mit Selbstironie gewürzt sind. Geistreich witzelt der Poet über Midlife-Crisis und Selbst-Findung, Design und Dekadenz: Etwa im von Oskar Maria Graf inspirierten "Wehdam" mit so herrlichen Reimen wie "die Jogger brauchen neue Batterien ... und ich werd´ nach Lummerland entflieh´n".
Dass dieses individuelle Talent Wecker über Jahrzehnte treu geblieben ist, demonstrierte er auch mit einem Querschnitt seines Werks: Von "Die Irren" über "Bleib nicht liegen", "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" und "Ich sing, weil ich ein Lied hab" bis zu "Ich werd oid". Auch wenn sich der Sänger nicht mehr wie früher bis zur Erschöpfung im Konzert verausgabt, hat er sich die anhaltenden, stehenden Ovationen in der Stadthalle verdient. Und wie immer dankte er mit vielen Zugaben.