Am Ende sangen wir ein arabisches Friedenslied

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

15.01.2003

Quelle

Spiegel Online

Autor / Interwiever

Holger Kulick

INTERVIEW MIT KONSTANTIN WECKER

"Am Ende sangen wir ein arabisches Friedenslied"

Der Liedermacher Konstantin Wecker über seine Friedensmission in Bagdad, die Vorwürfe, sich von einem irakischen Regime vereinahmen zu lassen, und die Notwendigkeit kultureller Brückenschläge zwischen Deutschland und dem Irak.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wecker, suchen Sie im Irak nach neuem Ruhm?
Konstantin Wecker: Ich muss immer lachen, wenn Leute meinen, ich will mich in die Medien bringen. Ich habe Jahre gebraucht, um mich endlich ´rauszubringen aus den Medien. Insbesondere nach dieser ganzen Koks-Geschichte hat man vielfach über mich geschrieben, aber erst ein paar Tage später angerufen und um Klarstellung gebeten. Seitdem habe ich versucht, gezielt Öffentlichkeit zu meiden. Dass ich jetzt wieder in Öffentlichkeit stehe, hat einen ganz anderen Zweck. Es geht um Frieden statt Krieg und darum, Menschen zu helfen.

SPIEGEL ONLINE: Was befürchten Sie denn, wenn es zu einer kriegerischen Auseinandersetzung im Irak kommt?

Wecker: Ein Krieg gegen den Irak wäre die größtmögliche Katastrophe mit unabsehbaren Folgen für die ganze Region. Das würde uns in den Zustand vor der Aufklärung zurückbomben, denn ein solcher Krieg würde eindeutig das Recht des Stärkeren installieren - gegen jedes Völkerrecht.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin geht es auch darum, einen der gefährlichsten Diktatoren der Welt zu beseitigen.

Wecker: In dieser Gegend kann man Demokratie nicht mit Gewalt installieren. Die Familienstrukturen sind völlig anders als bei uns, die Geschichte und die Traditionen. Ich bin froh, hier mehr über die arabische Mentalität gelernt zu haben, über die sich bei uns kaum ein Kriegsstratege Gedanken macht. Aber ich habe noch eine Sorge: Dies ist nicht die einzige Diktatur in dieser Gegend. Wo fangen wir da an? Besetzen wir den Irak, machen den demokratisch, und dann kommen die nächsten Länder dran? Nein, auf höchster Ebene müssen andere Lösungswege gesucht werden. Krieg ist Krankheit und keine Lösung. Ein Krieg hier würde nichts verbessern, im Gegenteil.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Sie sich da so sicher sein?

Wecker: Auf gewisse Weise herrscht doch durch das Embargo längst Krieg. Ein Krieg, der vor allem die Ärmsten trifft. Natürlich wäre auch mein Ziel eine demokratische Gesellschaft überall. Aber der bisher eingeschlagene Weg, das zu erreichen, ist im Irak gescheitert. Durch das Embargo hat man ein Volk von jeglicher Kultur und von allen anderen Einflüssen isoliert und eine entsetzliche Armut geschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Die Amerikaner setzen darauf, dass es unter ihren Drohungen zu einem Putsch im Irak kommen könnte.

Wecker: Selbst wenn jetzt eine Revolution entstünde, wäre es doch eine Revolution von unemanzipierten Menschen. Wie soll dann anschließend eine Demokratie entstehen können? Dazu braucht man zuvor Emanzipation, Intellekt, einen gewissen kulturellen Durchblick und Kulturaustausch. Wenn wir dieses Land davon abschneiden, kann es nicht demokratisch werden, weil der Humus dafür fehlt.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie überhaupt offen mit den Irakern reden?

Wecker: Natürlich ist die Bevölkerung unterdrückt, das ist unübersehbar. Dort, wo offenes Reden nicht geht, spürt man durch Gesten und Blicke sehr viel von dem, was die Menschen denken, manchmal auch nur durch Nebensätze. So haben wir eine Musikschule besucht, wo anschließend ein Orchestermusiker sagte, er würde so gerne mehr klassische Musik spielen, das sei wenigstens nicht immer Marschmusik. Aber dazu mangele es ihm an Noten.

SPIEGEL ONLINE: Die Leute haben ihren Diktator also langsam satt?

Wecker: Es gibt sicherlich noch Linientreue, aber ich habe das Gefühl, dass wenigstens die Gebildeteren des Diktators überdrüssig sind. Deren Zahl geht jedoch wegen des zusammenbrechenden Schulsystems und nicht zuletzt auch wegen der Embargopolitik immer weiter zurück. Je mehr Kindern die Schulbildung versagt wird, umso eher läuft man Gefahr, einen brodelnden Sumpf zu fördern, in dem genau das möglich ist, was wir vermeiden wollen: Leute zu züchten, die totalitären Regimes treu ergeben sind.

SPIEGEL ONLINE: Haben Vertreter des Systems versucht, mit Ihnen in Verbindung zu treten?

Wecker: Das kann man nicht vermeiden, wenn man zum Beispiel ein Krankenhaus besucht. Es gab auch einen Empfang bei Außenminister Azis, den habe ich bewusst nicht mitgemacht, weil ich für mich persönlich klarstellen wollte, eine Art Diplomatie von Unten zu betreiben. Dass das immer ein gewisser Eiertanz ist, keine Frage. Das ist ein Preis, den man zahlen muss, aber ich denke, dieser Preis ist es wert. Insbesondere, wenn man diese Menschen und ihre Gesichter vor Ort sieht und begreift, was diese kühlen Zahlenspiele bedeuten - nach dem Motto: Man muss eben den Hunger- oder Bombentod von so und so vielen in Kauf nehmen, um Demokratie durchzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Was folgt nun nach Ihrer Rückkehr nach Deutschland? Wollen Sie sich aktiv in die Politik einmischen?

Wecker: Direkt wohl weniger. Aber ich hoffe, dass ich Menschen in Deutschland sensibilisieren kann. Und dass ich vielleicht auch die deutsche Friedensbewegung motivieren kann, wieder auf die Straße zu gehen. Zum Beispiel anlässlich der kommenden Sicherheitskonferenz in München. Aber auch Unterschriftenappelle können bereits Eindruck schaffen. Hier in Bagdad waren in diesen Tagen amerikanische Wissenschaftler zu Gast, die mehr als 30.000 Unterschriften von Akademikern aus den USA übergaben, die den Appell "Not in our name" gegen den drohenden Krieg unterzeichnet haben. Auch aus Japan, Italien und zahlreichen anderen Ländern haben sich Friedensinitiativen angesagt, oder sind bereits hier. Ich hoffe, dass das Wirkung hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie ausschließen, dass Sie vom irakischen Regime für Propaganda missbraucht werden?

Wecker: Das ist der Standardvorwurf. Das erinnert mich an meine ersten Konzerte in die DDR. Aber ich habe damals schon gesagt, ich fahre nicht zu Honecker, sondern ich möchte dort für die Menschen spielen. Ich weiß, dass es dort heute noch viele Menschen gibt, die mir dankbar sind, dass ich damals gekommen bin um Horizonte zu öffnen und Brücken zu schlagen, so klein sie manchmal auch sind.

SPIEGEL ONLINE: In den irakischen Medien wird Ihre Friedensmission aber dennoch instrumentalisiert.

Wecker: Ich wiederhole: Das ist ein Preis, den man bezahlen muss. Ich weiß nicht, was die irakische Presse publizistisch aus unserem Besuch macht, das ist mir auch egal. Inoffiziell heißt die zentrale Zeitung das "Desinfomationsblatt". Das wissen auch alle und verstehen es, zwischen den Zeilen zu lesen. Und was kann die irakische Regierung schon damit anfangen, wenn sie Konstantin Wecker vereinnahmen will?

SPIEGEL ONLINE: Ihre Irak-Reise ging am Montagabend mit einem Konzert in Bagdad zu Ende, vor etwa 300 bis 400 Zuhörern. Auch amerikanische und irakische Künstler beteiligten sich daran. Was kam dabei heraus?

Wecker: Ich habe mir überhaupt nichts ausgerechnet, weil es natürlich Verständigungsprobleme gab. aber es war zauberhaft, wie die Leute unsere Kultur aufgenommen haben. Ein Iraker sagte mir hinterher, dies sei der schönste Abend seines Lebens gewesen, er habe weder Texte noch Musik richtig verstehen können, aber die Sprache meines Herzens.

SPIEGEL ONLINE: Wie lief die Veranstaltung ab?

Wecker: Nicht unter Propagandabannern. Der Raum und die Bühne standen vollkommen zu unsere eigenen Verfügung. Wir haben erst einzeln vorgetragen, uns dann spontan zusammengetan und am Ende ein arabisches Friedenslied gesungen. Die Besucher haben lange Zeit weitergesungen und mitgeklatscht. Und ich hatte den Eindruck, dass einige Leute kurzfristig etwas offener gesprochen haben als sonst. Wir hatten alle unsere Gesprächspartner zu diesem Konzert eingeladen, vom Schuhputzer über Krankenschwestern bis hin zu Künstlern. Einige von ihnen hatte ich zuvor in einem Künstlercafé getroffen, aber nach dem Konzert waren sie alle viel freier im Sprechen. Das zeigt, wie viel Sinn es macht, solche Brückenschläge weiter zu betreiben, auch und gerade in eine Diktatur hinein. Denn gerade dort sind Menschen, die bereit sind, sich zu öffnen.

SPIEGEL ONLINE: Erscheint Ihnen ein Krieg im Irak überhaupt noch abwendbar?

Wecker: Ich glaube, das wir eine Chance haben, die wir nützen sollten. Zuallererst muss dieses grausame Embargo abgeschafft werden - allerdings mit einer gewichtigen Ausnahme: Ein kategorisches Waffenembargo muss weiterhin sein. Aber das Embargo, dass die Leute verelenden lässt und ihnen sogar medizinische Versorgung verwehrt, damit muss Schluss sein. Außerdem kann ich nur an viele Künstlerkollegen appellieren: Ich habe die Irakis als sehr neugierig und wissbegierig erlebt. Durch kulturellen Austausch können wir ganz enorm bei der Emanzipation helfen, indem wir bereichern, aber nicht kolonialisieren