Die Reise hat mein Leben verändert

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

16.01.2003

Quelle

Merkur online

Autor / Interwiever

Stephanie Holzmeier

Wecker wieder zurück aus Bagdad
Eine Friedensdelegation mit Konstantin Wecker, 55, ist gestern von einer zehntägigen Reise aus dem Irak zurückgekehrt. Der Liedermacher gab in Bagdad ein Konzert. Die Gruppe wollte bei ihrem Besuch ein "Zeichen gegen Kriegsgefahr und Embargo" setzen.
Wie hat Sie das irakische Volk aufgenommen?

Wecker: Das irakische Volk ist unendlich freundlich. Gastfreundschaft wird groß geschrieben, die Leute teilen jedes Essen mit einem, begegnen einem ohne Vorurteile. Das irakische Volk ist aber auch ein extrem unterdrücktes Volk. Zum einen von seinem Diktator Saddam Hussein, zum anderen durch ein unmenschliches Embargo, das zu den härtesten gehört, mit dem ein Volk je gestraft wurde.

Inwiefern?

Wecker: Bei all dem Elend, das man jetzt antrifft, kann man sich nicht vorstellen, dass der Irak einmal eine relativ weit entwickelte schulische und medizinische Versorgung hatte. Die Strukturen sind zerstört, heute haben nicht einmal mehr 50 Prozent der Menschen sauberes Trinkwasser.

Konnten Sie mit den Menschen auch Gespräche führen?

Wecker: Wir hatten einen Dolmetscher, dadurch war die Verständigung gewährleistet. Gespräche über Politik kamen dennoch kaum zustande. Es wäre für die Iraker zu gefährlich. Überall sind Spitzel, wir selbst wurden durch eine Art Fremdenführer ständig begleitet.

Sie haben in Bagdad auch ein Konzert gegeben. Was haben Sie dabei empfunden?

Wecker: Es war ungeheuer eindrucksvoll. Ich bin ein Liedermacher und normalerweise kommt es bei mir auf die Texte an. Diese haben die Menschen freilich nicht verstanden. Ich bin mir aber dennoch sicher, dass die Emotionen rüber gekommen sind, das habe ich am Beifall und der Begeisterung gespürt. Die Sehnsucht nach Austausch der Kulturen ist groß.

Welche Begegnungen fanden sonst noch statt?

Wecker: Wir haben auch das Germanistische Institut besucht. Für viele dort war es die erste Möglichkeit seit Jahren, Deutsch sprechen zu können. Sonst haben sie dazu keine Gelegenheit, Deutsch kennen viele aus höchst veralteten Büchern.

Was war Ihr beeindruckendstes Erlebnis?

Wecker: Der Besuch in einer Kinderklinik. Ich werde den Moment niemals vergessen, als eine Mutter weinend am Bett ihres Kindes stand, das sterben muss. Die Menschen sind die Opfer des Embargos. So hat dieses Kind keine Chance auf Heilung, weil Chemotherapien nicht ins Land kommen. Das macht mich richtig wütend.

Gab es auch Termine mit offiziellen Stellen?

Wecker: Ich habe mich vor keinen Karren spannen lassen. So habe ich beispielsweise die Einladung ins Außenministerium ausgeschlagen. Es steht außer Frage, dass ich nicht für eine Regierung sein kann, die ihr Volk bewusst für dumm verkauft.

Wie geht es für Sie jetzt weiter?

Wecker: Diese Reise hat mein Leben verändert. Ich werde künftig viele Dinge sicher anders gewichten. Ich habe gelernt, dass es darauf ankommt, nicht nur etwas zu denken, sondern auch zu tun. Es ist beeindruckend, Leute zu sehen, die vor Ort helfen, sich zwölf bis 14 Stunden am Tag engagieren. Ich will meinen Teil dazu beitragen.

Was würde Ihrer Meinung ein Krieg im Irak bedeuten?

Wecker: Ein Krieg wäre die größte annehmbare Katastrophe.