Endlich einmal keine Marschmusik

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

16.01.2003

Quelle

Münchener Abendzeitung

Autor / Interwiever

Michael Backmund

Reise gegen den Krieg: Was der Liedermacher in Bagdad erlebte{Text}
Die Maschine der Royal Jordanian mit der Flugnummer RJ 125 direkt aus Amman hat Verspätung. Warten auf Konstantin Wecker. "Gestern hat er mir bei unserem letzten Telefonat gesagt, dass er morgen erstmal mit den Kindern spielen will", sagt Annik Wecker. Zwei Tage länger als geplant hatte Weckers "Reise gegen den Krieg" nach Bagdad gedauert. Eine Woche voller Gespräche mit irakischen Künstlern, Kindern und Ärzten, Menschen auf den Straßen, voller Konzerten mit irakischen Musikern und US-amerikanischen Kriegsgegnern und einem "Eiertanz" mit den Behörden der Baath-Diktatur (AZ berichtete).
Um 11.04 Uhr blinkt auf der Anzeigentafel im Terminal C des Münchner Flughafens endlich "gelandet" auf - 15 Minuten später schließt der Liedermacher seine Frau Annik und seine Freunde wieder in die Arme. Müde schaut er aus und beginnt trotzdem gleich zu sprechen.
Alle anderen Mitglieder der Friedensdelegation der internationalen Gesellschaft "Kultur des Friedens" sind nach Frankfurt weiter geflogen.
Im Flughafen-Café schildert Konstantin Wecker (55) der Abendzeitung seine ersten Reiseeindrücke. Am Samstag ist dann sein persönliches Reise-Tagebuch mit Fotos exklusiv in der Abendzeitung zu lesen.
Der Musiker erzählt von den "älteren Herren", mit denen er im Kaffeehaus über deutsche Kultur diskutiert hat. "Intellektuelle mit einem ungeheuren Wissen über Philosophen wie Horkheimer oder Hegel und die großen Komponisten. Einer hat mir Sachen über Beethoven erzählt, die sogar ich noch nicht gewusst habe", sagt Wecker. Und er erzählt von seinem Zusammentreffen mit 500 Studenten des germanistischen Instituts der Universität Bagdad, die seit Jahren keine Bücher über die junge deutsche Literatur und Kunst zu sehen bekommen.
"Die Menschen dort sind ohne Vorurteile trotz Kriegsgefahr - dabei kennen sie seit Jahrzehnten aus dem Westen nur Waffenhändler und später Waffen-Inspekteure. Ich würde mir bei uns mehr Offenheit und Respekt gegenüber der arabischen Kultur wünschen und weniger rassistische Klischees."
Und sofort beginnt Wecker über das Embargo zu schimpfen. "Wie sollen geknechtete Menschen, die durch das Embargo ausgehungert und von jedem kulturellen Austausch ausgeschlossen sind, auch noch gegen die Diktatur kämpfen?" Das Embargo trifft die "Ärmsten der Armen" - davon hat sich Wecker überzeugt: "Ich habe krebskranke Kinder besucht, denen ihre Ärzte nicht helfen können, weil die Einfuhr von Medikamenten verhindert wird." Wecker flucht über die "zynischen und kranken Hirne" von Politikern, die diese Opfer als "Kollateralschäden" bezeichnen.
Und Wecker berichtet von den neuen schwarzen Mercedes-Limousinen der Behörden, in die er nicht mehr eingestiegen ist: "Ich frage mich, wer die Luxusautos wem unter dem Embargo verkauft hat? In Bagdad hat gerade eine Messe mit 51 deutschen Firmen stattgefunden - doch bei diesem Big Business herrschte absolutes Kameraverbot. Das ist schon komisch", ärgert sich Wecker: "Uns Kriegsgegner wirft man Unterstützung der Diktatur vor und die, die früher - und vielleicht auch in Zukunft wieder - Milliarden an Waffenverkäufen an den Irak verdient haben, machen hinter verschlossenen Türen Geschäfte."
Auch die "Ja-Nein-Politik" der rot-grünen Bundesregierung ist dem Künstler immer unbegreiflicher. "Wenn Schröder und Fischer wirklich gegen den US-Krieg wären, warum verweigern sie dann für diesen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg nicht die Benutzung der Nato-Stützpunkte in Deutschland - wir sind doch längst die Drehscheibe für die Truppen- und Munitionstransporte."

Diese Politik stärkt nur das Recht des Stärkeren

Wecker redet nicht drum herum: "Es war mir klar, dass ich in ein totalitäres Land fahre, aber der Irak ist nicht Hussein." Und Hussein ist nicht der einzige Diktator. "In der ganzen Region herrschen doch Diktatoren, die seit Jahrzehnten vom Westen unterstützt werden, etwa das Saudische Königshaus, die besten Freunde der USA." An Krieg und Bomben für die Demokratie glaubt Wecker nicht. Er will die Menschen gegen die Herrscher und Despoten unterstützen. Wie jenen alten Mann, der nach seinem Konzert in Bagdad auf den Liedermacher zukam und sagte. "Das war schön - endlich einmal keine Marschmusik."
"Alle Korrespondenten, mit denen ich vor Ort gesprochen habe, sind der Meinung, dass dieser Krieg eine Katastrophe für die gesamte Region bedeutet", sagt Wecker. Dieser Krieg werde nicht Recht und Gerechtigkeit stärken, sondern das Recht des Stärkeren. "80 Prozent der arabischen Bevölkerung denken, dass es dem Westen nur um das Öl geht. Der Unmut wird zunehmen, es wird ein Flächenbrand."
Weckers Befürchtung: "Wenn es den vernünftigen Kräften dieser Welt nicht doch noch gelingt, den Krieg abzuwenden, wird der Irak besetzt und bombardiert und dessen Bevölkerung all ihrer Würde beraubt werden als Kanonenfutter für wirtschaftliche Interessen."
Noch ist Wecker optimistisch und sagt: "Wir müssen den Krieg verhindern und dagegen demonstrieren, zum Beispiel am 8. Februar gegen die Nato-Sicherheitskonferenz in München. Lasst uns viele Tropfen auf einem heißen Stein sein!"