Wir müssen mit dem Dialog beginnen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

18.01.2003

Quelle

Nürnberger Nachrichten

Autor / Interwiever

Stefan Mössler

"Der wirkliche Grund für den drohenden Krieg ist Öl": Interview mit dem Liedermacher Konstantin Wecker über seine Irak-Reise

Zehn Tage verbrachte der Liedermacher Konstantin Wecker mit einer internationalen Friedensdelegation in Bagdad. Im Interview spricht der Münchner über die Beweggründe zu dieser Reise und über sein Engagement gegen einen drohenden Irak-Krieg.

Rund um den Irak formiert sich das Militär des Westens. Hatten Sie Angst, in dieses umzingelte Land zu reisen?

Wecker: Anfangs schon. Doch ab dem Moment der Ankunft in Bagdad war dieses Gefühl verflogen. Dies lag auch daran, dass dort das Leben seinen normalen Gang läuft. Die Leute sind dort zum einem sehr kriegsgewohnt, zum anderen völlig von Informationen abgeschnitten.

Wurde Ihre Wahrnehmung vor Ort nicht von den Gastgebern gesteuert?

Wecker: Die Gastgeber wollen stets alles zeigen, was einen Krieg verhindern kann. Sie verzichteten darauf, uns Prunkpaläste vorzuführen 97 so schlau sind die schon, dass Saddam beim Antilopen-Essen zu beobachten eher kontraproduktiv wäre. Natürlich gibt es Termine, die oft ironisch "Pflichttermin für Friedenstouristen" genannt werden. Ich finde es sehr zynisch, etwa den Besuch des Bunkers, in dem beim letzten Irak-Krieg 488 Zivilisten zerfetzt wurden, so zu bezeichnen. Denn dort erlebt man wie aus Zahlen und Statistiken Menschen werden. Aus diesem Grund bin ich auch diese Reise angetreten. Der Besuch hat mich 97 Pflicht hin, Pflicht her 97 sehr erschüttert.

Empfanden Sie Ihre Reise als Solidaritätsbesuch, oder fühlten Sie sich als Unruhestifter?

Wecker: Von der Bevölkerung wird man als Freund behandelt. Die Menschen empfangen einen mit solch einer unendlichen Freundlichkeit, dass man sich manchmal fast schämt. Im englischsprachigen Regierungsblatt tauchen die Friedensdelegationen dann immer wieder auf der Seite eins auf. Wer das als Instrumentalisierung bezeichnet, vergisst, dass diese Vereinnahmung geschieht, weil man keinen Krieg möchte. Die Instrumentalisierung ist ein hochgepuschter Vorwurf. Glaubt wirklich jemand: Wenn Saddam Hussein mich instrumentalisiert, dass der deswegen einen Tag länger an der Macht bleibt. Wichtiger ist es, eine ehrliche Diskussion über die Gründe dieses drohenden Krieges zu führen. Hussein ist einer von zwei Dutzend weltweit herrschenden Diktatoren. Wenn es wirklich darum ginge, die Diktatur zu beseitigen, warum werden die anderen Tyrannen nicht mit Krieg überzogen? Der wirkliche Grund ist das Öl und die Vormachtstellung in der Region. Wenn wir Frieden schaffen

wollen, müssen wir mit dem Dialog beginnen. Der kulturelle Dialog ist für die Schaffung einer Demokratie eine Grundvoraussetzung. Wie kann ich erwarten, dass sich eine Demokratie installiert, wenn man dem Menschen nicht hilft, sich zu emanzipieren?

Haben Sie das Gefühl, dass es innerhalb der Kulturszene Kräfte gibt, die etwas verändern könnten?

Wecker: Ich denke ja. Ich habe im Irak eine unendliche Begeisterung für die nichtarabische Kultur erlebt. Die Menschen begeistern sich für europäische Musik, für Literatur oder Philosophie. Die älteren Menschen kennen sich noch sehr gut aus, den jüngeren fehlen leider die Bildungsmöglichkeiten. Man kann dort mit den Menschen über alles reden, nur nicht über die Regierung. Die Menschen würden sich sonst in große Gefahr begeben. Wir wurden von Hilfsorganisationen gebeten, niemanden auf dieses Thema anzusprechen. Aber wie in allen totalitären Regimen lernt man schnell zwischen den Zeilen zu lesen. Durch die Musik öffneten sich beispielsweise nach einem gemeinsamen Konzert die Herzen, und ein Musiker sagt: "Ach ist das schön. Endlich nicht nur Marschmusik!" In so einem Land sagt dies so viel aus wie ein ganzes Buch.

Sie haben die Angst im Irak angesprochen. Der amerikanische Linguist und Philosoph Noam Chomsky sieht dazu im Westen Parallelen. Kann man, um eines ihrer Lieder zu zitieren, "Frierende besser regieren"?

Wecker: Die Tendenz, Menschen in permanenter Angst zu halten, sehe ich eher in Amerika und nicht so stark in Deutschland. Dieses Verhalten begann nach dem 11. September. In Bagdad konnte ich mit vielen Amerikanern sprechen: Etwa mit Kriegsveteranen, die sich jetzt für den Frieden einsetzen oder mit der beeindruckenden Gruppe amerikanischer Frauen, die am 11. September Angehörige verloren haben und sich nun mit irakischen Frauen zusammentun, um mit einer Geste der Versöhnung weiteres Leid zu verhindern. Als diese Menschen gefragt wurden, weshalb sie nicht im Irak gegen Hussein demonstriert hätten, antworten sie: Wir müssten erst einmal etwas gegen Bush unternehmen. Auch in Deutschland gilt: Wer weiß, wenn sich jetzt nicht langsam der Unmut gegen den Krieg formiert, ob dann Gerhard Schröder bei seinem Nein dazu bleibt?

Wie werden Sie in Deutschland Ihr Engagement fortsetzen?

Wecker: Die Reise hat mein Denken argumentativ stärker gemacht. Aber vor allem hat es mein Fühlen unendlich verändert. Erfahrung ist ein im Sein verankertes Denken. Man kann sehr viele Bücher zu einem Thema lesen, doch es bringt wesentlich mehr, vor Ort die Menschen zu erleben. Hoffen wir, dass es nicht zu diesem Krieg, der auch ein Flächenbrand für die ganze Region bedeuten würde, kommt. Ich demonstriere am 8. Februar in München gegen die Nato-Sicherheitskonferenz und gebe dort ein Konzert. Und ich werde sehen, wie ich mich am 15. Februar am Antikriegstag beteiligen kann. Vor allem werde ich meine humanitäre Arbeit, die ich dort in Bagdad im ganz Kleinen begonnen habe, weiterführen. Konkret geht es dabei um ein Projekt von "Architects for People in Need", das sich dem Problem der Kinderarbeit annimmt.