Keine freie Fläche ohne Saddam

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

18.01.2003

Quelle

Münchener Abendzeitung

Der Liedermacher im Irak - seine Eindrücke und Erlebnisse

Von Konstantin Wecker

Nicht wegen Saddam Hussein - trotz Saddam reisen wir in den Irak. Münchner Hauptbahnhof, 5. Januar 2003. Meine Söhne haben so lange darauf gewartet. "Jetzt kannst du ja gar keinen Schneemann mit uns bauen." Wieviel Zeit darf ich meinen Kindern nehmen, um sie fremden Kindern zu schenken? Gestern habe ich meine Buben noch um Spielzeug gebeten. Für die "armen Kinder im Irak". Die Tasche ist voll geworden.

Pressekonferenz Frankfurter Flughafen. "Machen Sie die Reise aus PR-Gründen?" Man hat die gehässige Glosse in der SZ gelesen. Die Frage entlarvt den Fragesteller. Es ist schade, dass viele sich gar nicht mehr vorstellen können etwas zu tun, ohne in den Kategorien von Gewinn und Verlust zu denken. Nun habe ich etwas losgetreten, was seine eigene Dynamik entwickelt. Wer weiß, wie die Reise mein Leben beeinflussen wird?

Keiner unserer kleinen Delegation macht sich Illusionen über den Diktator. Bis kurz vor dem ersten Golfkrieg allerdings wurde derselbe Tyrann von den Westmächten gehätschelt und mit Waffen und Wirtschaftsgütern zugeschüttet. Man machte blendende Geschäfte mit ihm, er war der klassische "bad boy", wie die Amerikaner sagen, ein Schurke, aber unser Schurke.

Das Giftgas, das er gegen die Kurden einsetzte, kam aus den Vereinigten Staaten und aus Deutschland, und die Moral, die man jetzt so vehement wieder entdeckt, wurde dem big business, wie so oft, gerne untergeordnet. Wer wird der Nächste sein?

"Wars are poor chisels for carving out peaceful tomorrows" ("Kriege sind schlechte Werkzeuge, um ein friedvolles Morgen zu schaffen") - während des Fluges von Amann nach Bagdad übergibt mir Colleen Kelly, eine amerikanische Friedensaktivistin, ein Flugblatt mit diesem Satz von Martin Luther King. Die Maschine ist bis auf den letzten Platz gefüllt mit Irakern und Friedensgruppen aus aller Welt, die in Bagdad ein Zeichen setzen wollen. Das Anliegen der Amerikaner "die Gesichter der irakischen Bevölkerung zu sehen und die Spirale der Gewalt zu durchbrechen" deckt sich mit dem unseren.

Für die frühere US-Außenministerin Albright war der Tod von über hunderttausend irakischen Kindern im letzten Krieg und dem Embargo ein Kollateralschaden, ein Preis, der es "wert war, bezahlt zu werden". Diesem Zynismus kann und will ich mich nicht anschließen. Auf dem Reißbrett der Militärs werden Menschen verschoben wie leblose Zahlen. Von Strategen, die nicht daran denken würden, sich selbst oder ihre Kinder zu opfern. Auf den Schlachtfeldern haben diese Zahlen ein Gesicht, eine Geschichte, sind voller Hoffnung und Sehnsucht, haben Familie und Träume. Und sie wollen leben!

Bei der Ankunft in Bagdad lauert der unvermeidliche Fotograf auf den unvermeidlichen Schnappschuss "Wecker unterm Husseinbild". Damit haben sie im letzten Herbst den Fußballtrainer Stangl reingelegt. Die Bilderverehrung des Landes ist in der Tat unerträglich. Es gibt praktisch keine freie Fläche in der Stadt ohne Saddam. Saddam als Kämpfer mit MP, als Bluesbrother mit Sonnenbrille, als guter Onkel und als Sonnenkönig. Der Fotograf hatte sein Bild und ward nicht mehr gesehen.

Dann der nächste Schock. Wir wurden als VIPs mit Luxuslimousinen abgeholt. Die Fahrt zum "Al Raschid", der 1. Adresse Bagdads, ist ein Horrortrip. Es ist einfach obszön, sich in einem so armen Land mit diesen Protzautos zu bewegen und ich fragte mich, wer der Regierung die Mercedes wohl verkauft haben mag. Weshalb geisterten bei der letzten Bagdadmesse im November 2002 keine Fotos von Wirtschaftsbossen mit Hussein im Hintergrund durch die deutsche Presse? Mit wem haben die dort ansässigen 51 deutschen Firmen ihre Geschäfte gemacht? Mit den Ärmsten der Stadt, deretwegen wir gekommen waren?

Wie ich später erfahren habe, wurde der Staatsapparat veranlasst, jedem Fotografen die Kamera abzunehmen. Es scheint auch hier wieder mal die Moral beim Geschäft geduldiger zu sein, als bei dem weniger lukrativen Versuch, den Armen eine Stimme zu verleihen.

Wir beraten uns beim Abendessen. Der Schock dieser pompösen Ankunft sitzt tief. Wir beschließen, am nächsten Morgen in das Hotel umzuziehen, in dem sich die anderen Friedensgruppen befinden, in keine Staatskarosse mehr einzusteigen, und in jedem Fall alles selbst zu bezahlen. Henning Zierrock, der Präsident von "Kultur des Friedens", telefoniert noch am Abend. Tags darauf steht ein alter Bus zur Verfügung. In diesem Hotel haben die Wände Ohren und selbst die Badezimmer Augen. Nichts wie raus.

Am Montag: Der 2. Teil des Reisetagebuchs