Ein Hagel von Steinen in Saddam City

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

19.01.2003

Quelle

Münchener Abendzeitung

Die Ärmsten der Armen attackieren den Regierungsbus

Von Konstantin Wecker

Der morbide und bröckelnde Charme des Al Fanar Hotels gefällt uns bedeutend besser. Wir beschließen, auf unserer Unabhängigkeit zu bestehen, ohne natürlich den Respekt gegenüber der arabischen Gastfreundlichkeit und Höflichkeit zu verletzen. Es wird noch einige Zeit dauern, bis wir das inoffizielle Bagdad näher kennenlernen sollen. Dabei hilft uns ein Münchner, mit dem ich mich vom ersten Moment an befreundet habe.

Alexander Christoph ist seit zwei Jahren vor Ort und Leiter der "Architekten für Menschen in Not", der einzigen unabhängigen deutschen Hilfsorganisation des Landes. Alexander hat, wie er mir erzählt, irgendwann entschieden, das nächtliche Abfeiern seines beruflichen Erfolges im Münchner Nachtcafé gegen ein sinnvolles Leben auszutauschen. Ein Leben im Dienst derer, die nicht zuletzt unseres Überflusses und unserer Gleichgültigkeit wegen in tiefer Armut leben. Er hat uns mit den Tatsachen konfrontiert, die nur einer kennen kann, der vor Ort lebt.

Wir fahren in die "Eisenschmiedegasse". Alexander führt uns zu einem achtjährigen Jungen, der zwölf Stunden täglich alte Eisenstäbe so zurechtklopft, dass sie mit einer Manschette gebündelt werden können. Er ist mit Ernst bei der Arbeit, am Boden kauernd, so dass er uns erst gar nicht wahr nimmt. Alexander überreicht seiner Familie Spendengelder aus Deutschland, damit der Junge zur Schule gehen kann. Wir erklären seinem Chef, der einem Charles Dickens Roman zu entstammen scheint, dass Amir ab heute nicht mehr bei ihm arbeiten würde. Ich frage den Jungen, ob er denn gern zur Schule gehen würde.

Er blickt mich lange aus seinen dunklen, riesengroßen Augen an und nickt ohne den Anflug eines Lächelns. Ich hoffe so, ich werde ihn später einmal lachen sehen.

Mir will nicht aus dem Kopf, welchen kranken Hirnen die Idee entstammt, man müsse durch Restriktionen ein Volk so verelenden lassen, dass es sich irgendwann gegen die Diktatur erhebt. So etwas können sich nur Militärs ausdenken. Erstens ging die Rechnung nicht auf, denn statt Terror zu verhindern, wird der Terrorismus in der zutiefst gedemütigten islamischen Welt geradezu gefördert, und zweitens: Selbst wenn sich ein derart stranguliertes Volk erhöbe, isoliert von intellektueller und künstlerischer Begegnung, seit zwölf Jahren um Schulbildung und Kontakt mit freieren Gesellschaftsmodellen gebracht - wäre das wirklich der Nährboden für eine demokratische Kultur oder nicht eher der Bodensatz für Fanatismus, Hass und Terror?

Unser alter Bus fährt uns nach Saddam City, dem Elendsviertel Bagdads, in dem über drei Millionen Menschen leben. Als wir aussteigen, springen Horden von Kindern an uns hoch, klatschen Beifall, ein Junge küsst mich. Man lädt uns zum Tee ein und als ich bei einem Bäcker Brot kaufen will, schenkt er es mir. Wie wohl ein hungriger Iraker bei uns behandelt würde ...

Saddam City ist die Keimzelle eines potentiellen Schiitenaufstandes. Im Falle eines Krieges wird Hussein diesen Stadtteil abriegeln und die eigenen Leute abschlachten, so befürchten einige Korrespondenten vor Ort. Ich sehe in die Augen dieser unterernährten Kinder, sehe ihre Freude, uns getroffen zu haben und schwöre mir, gegen diesen Krieg aufzustehen.

Bei der Rückfahrt fliegen Steine gegen unseren Bus. Jetzt erst erfahren wir von unserem Fahrer, dass wir ein Regierungskennzeichen haben. Wir fahren am Tigris entlang, vorbei an prächtigen Villen. Ich frage unseren Fahrer, wie es sein kann, dass in diesen Zeiten, in diesem armen Land Leute so reich sind. Er überlegt lange und antwortet mit einem vielsagenden Lächeln: "That is a very difficult question!" Man muss zwischen den Zeilen lesen, wenn man die Stimmung über Hussein herausfinden will, muss auf Gesten und Blicke achten. Und vor allem nach unserem Konzert öffneten sich die Herzen und Münder.

Was für kulturvolle und wissbegierige Menschen! Wären unsere Regierungen nur halbwegs so interessiert an ihrer Kultur wie sie an der unseren, wäre unsere Antwort vielleicht nicht einzig die Eroberung, sondern die Begegnung.

Diese Tage waren Wechselbäder der Gefühle für mich. Hoffnung und Desillusion wechselten sich manchmal stündlich ab, oft fühlte ich mich fehl am Platz, manchmal spürte ich wieder, wie wichtig diese Reise war.

Ich frage mich immer noch, woraus sich der Hass nährt, der mir manchmal entgegen schlägt. Sicher, die Bellizisten sehen ihre Pfründe bedroht, ihren materiellen Gewinn und ihre festgefahrenen Denkmuster. Aber einige, glaube ich, spüren tief in sich, dass sie selbst auch verantwortlich wären, gegen diesen Krieg etwas zu tun und verteidigen so ihre Gleichgültigkeit. "Je größer die Aufgabe und Verantwortung Einzelner bei der Gestaltung der Geschichte wird, um so wichtiger ist es, dass jeder von uns lernt seine Verantwortung im neuen Jahrtausend zu akzeptieren und an ihrer Erfüllung zu arbeiten." Diesen Worten des japanischen Friedenspreisträgers Daisaku Ikeda fühle ich mich jetzt mehr denn je verpflichtet.