Singen in Bagdad, down by the riverside

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

22.01.2003

Quelle

Stuttgarter Zeitung

Autor / Interwiever

Dieter Fuchs

Der Liedermacher Konstantin Wecker auf Friedensreise im Irak

Mahnwachen, viele Gespräche und ein Konzert für den Frieden in Bagdad: "Die Reise hat etwas bewirkt", sagt der Liedermacher Konstantin Wecker nach einer Woche im Irak. Nicht den Staat, sondern die Menschen wolle er unterstützen.

Von Dieter Fuchs, Bagdad

Nur das Rauschen des Luftzugs dringt als Geräusch ins Innere der S-Klasse. Stumm grüßt Saddam Hussein vom Betonsockel am Rande der dreispurigen Autobahn. Die Kolonne - drei schwere Mercedes, drei japanische Oberklassewagen - durch die Nacht in Richtung Bagdad. Keine zwei Stunden sind vergangen, seit der Sänger Konstantin Wecker mit den anderen Mitgliedern der deutschen Friedensdelegation im Irak angekommen ist, da wird er bereits in einer Staatskarosse des Regimes, einer schwarzen S-Klasse, ins beste Hotel der Stadt chauffiert.

Wecker weiß nicht genau, worauf er sich mit dieser Reise eingelassen hat. In vielen Gesprächen mit seiner Frau ist der Entschluss gereift: "Wir müssen etwas tun, die Welt läuft aus dem Ruder", und jeder muss bei sich selbst anfangen. Schließlich begann er, sich mit dem Irak zu beschäftigen, weil er den Krieg und die US-Politik ablehnt. Wecker beschloss, zu den Menschen zu reisen, die von der Weltgemeinschaft in Armut gestürzt worden sind, um Saddam Hussein mit der Wirtschaftsblockade der UN die Macht zu nehmen. Diesen Menschen möchte er zeigen, "dass aus dem Westen nicht nur UN-Waffeninspekteure kommen".

Das Angebot der Tübinger Gesellschaft Kultur des Friedens, sich deren Delegation anzuschließen, kam zur rechten Zeit. Dem Liedermacher war klar, dass das Regime ihn willkommen heißen würde, weil er prominent ist und aus Deutschland kommt, aus jenem Land also, auf das die Iraker große Hoffnung setzen, weil es bis dato den Krieg ablehnt. Entsprechend geschmeidig ist der Empfang am Saddam Hussein Airport gewesen. Freundliche Regierungsbeamte schleusen die deutschen Delegation durch die Kontrollen. Gleichzeitig macht sich in der Abfertigungshalle Zuversicht unter den Ankömmlingen breit. Friedensgruppen aus aller Welt haben den seltenen Flug genutzt, um nach Bagdad zu kommen. Beim Warten auf das Gepäck werden Treffen und Aktionen in der Stadt vereinbart. Hinter dem Zollschalter stimmt eine amerikanische Friedensgruppe "Down by the Riverside" an als Willkommensgruß für ihre Freunde aus den Staaten. Erst als er hinter den schweren Vorhängen der Staatskarosse sitzt, dämmert Konstantin Wecker, was da alles auf ihn zukommt.

Das Hotel Al-Rashid betreten die Gäste über ein Marmormosaik, das den früheren US-Präsidenten George Bush als Verbrecher zeigt. Wenig später erfährt Wecker, dass die Regierung den gesamten Aufenthalt der Gruppe zahlen will. Schon ein Frühstück kostet hier das Monatseinkommen eines irakischen Lehrers. Wecker ist schockiert. Beim Abendessen spricht er bereits vom möglichen Scheitern der Reise. Die Gruppe beschließt, am nächsten Tag in ein anderes Hotel zu ziehen und nur noch die unumgängliche organisatorische Hilfe der Regierungsvertreter zu akzeptieren.

Nach dem Umzug am nächsten Morgen geht der Eiertanz weiter. Der stellvertretende Premierminister Tarik Aziz möchte die Gruppe empfangen, und das irakische Fernsehen wird darüber berichten. Wecker quält sich mit der Entscheidung. Aziz gilt als aufgeschlossen und reformorientiert, aber auch als Vertreter des inneren Machtzirkels. Vormittags will Wecker nicht, nachmittags schon, am Abend beschließt er: "Ich gehe nicht mit zum Empfang, es wäre das falsche Symbol." Lange starrt der Liedermacher an die Wand des Hotelrestaurants und sagt, mehr zu sich selbst: "Diese Reise könnte einen Einschnitt in meine Biografie bedeuten."

Noch am selben Abend freundet sich Wecker mit dem früheren Architekten Alexander Christof an, der seit zwei Jahren mit seiner Frau eine eigene Hilfsorganisation betreibt, die "Architect for people in need". Sie ist die einzige ständige deutsche Hilfsorganisation in Bagdad und kümmert sich vor allem um die marode Wasserversorgung im Land. Wecker und Christof haben hier in Bagdad das gleich Ziel: den Ärmsten zu helfen, vor allem den Kindern.

Am nächsten Abend lädt Christof die Tübinger Delegation gemeinsam mit irakischen Künstlern und Mitarbeitern anderer Hilfsorganisationen zum Essen in sein Haus ein. Während Saminaseem, ein irakischer Musiker, auf seiner Oud, der arabischen Laute, Liebeslieder spielt, steht Wecker plötzlich auf und beginnt, mit den anderen Arm in Arm zu tanzen, als ob er sich von einer Last auf seinen Schultern befreit hätte.

Tagsüber trifft er sich im Gefolge seiner Delegation mit anderen Friedensorganisationen, hält Mahnwachen vor einem im vorherigen Krieg zerstörten Bunker und bespricht mit den Behörden eines seiner Anliegen: ein Konzert für den Frieden in Bagdad. Im alten Künstlercafé Shabandiya im Herzen der Medina erlebt der Liedermacher die Sehnsucht irakischer Künstler nach der deutschen Kultur. Beim Tee im Dunst der Wasserpfeifen redet er lange mit dem irakischen Poeten Salik über Arno Schönbergs Musik, über Beethovens Leidenschaft, über Schreibblockaden und Adornos Weltbild. Wecker singt den Leuten noch zwei Lieder, und als er das Café verlässt, wirkt er entschlossen. "Natürlich werden wir auch vereinnahmt, aber es wird ihnen nicht viel helfen. Früher habe ich mich vor allem mit mir selbst beschäftigt", sagt der 55-Jährige. "Heute möchte ich mich den gesellschaftlichen Problemen widmen. Ich möchte hier tätig werden, und davon lasse ich mich nicht abhalten."

Bisweilen stößt Wecker auch an seine Grenzen. In einem Armenviertel der Stadt wird er von einer Traube Kinder fast erdrückt. Dutzende von Jungen tanzen und singen, springen an ihm hoch und küssen ihn. Auf der Leukämiestation eines staatlichen Kinderkrankenhauses braucht er eine kurze Pause, weil ihn das Leid der Kleinen übermannt. Leid, das mitverursacht wird durch die UN-Sanktionen, die manchmal auch Krebsmedikamente betreffen. "Irgendwann kommt der Moment, wo du in jedem Kinderauge dein eigenes siehst", sagt Wecker, als er das Krankenzimmer verlässt. Seine zwei kleinen Söhne sind es gewesen, die ihn dazu gebracht haben, nicht immer nur um seinen eigenen Nabel zu kreisen.

Gegen Ende der Reise findet Wecker schließlich einen Menschen, den er als "seinen neuen Sohn" bezeichnet. Amir ist zehn Jahre alt und musste die zweite Klasse verlassen, um beim Schmied gegenüber zu arbeiten, zwölf Stunden am Tag. Er wohnt im zweiten Stock eines baufälligen Hauses in der Altstadt Bagdads: Sieben Kinder und die beiden Eltern leben in einem Raum so groß wie zwei Doppelbetten. Der kranke Vater verkauft Nüsse und kann damit nicht einmal die Miete für die heruntergekommene Kammer zahlen. Amir hat Glück gehabt, da seine Schwester Amal in einem deutschen Fernsehbericht aufgetreten war. Ein Spender aus Deutschland wollte dem Mädchen Geld zukommen lassen, und Wecker will künftig dafür sorgen, dass alle drei schulpflichtigen Kinder der Familie einen Abschluss machen können. Nun aber sitzt er auf der abgewetzten Couch in der Kammer, Amir fest in den Arm genommen. Rührung und Betroffenheit flimmern in den Kulleraugen, doch der Liedermacher wirkt, als wäre er angekommen.

"Die Reise hat etwas bewirkt," sagt Wecker im Rückblick. "Mein Denken und Arbeiten wird sich anders ausrichten." Für mögliche Kritiker hat er nur vermeintlich Verständnis: "Leute, die mir diese Entwicklung nicht abnehmen, sind Menschen, die sich Handel ohne Gewinnstreben nicht vorstellen können, die lieber abkanzeln, statt sich selbst zu kümmern." Er widerspricht heftig der These, dass Hilfe für die Menschen im Kampf gegen den Krieg auch den Staat stützt.

Wenn nichts dazwischenkommt, wird Konstantin Wecker heute Abend in Bagdad sein Abschlusskonzert geben. Vor den vierhundert Menschen dort will er ein Lied seines Freundes Hannes Wader spielen, worin es heißt, dass die Menschen "schon so lang" dem Krieg und der Not zusehen müssen. Wecker will daraus gelernt haben.

Aktualisiert: 14.01.2003, 06:03 Uhr

http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/347092
Stuttgarter Zeitung, 14.1.2003