Ich könnte nicht leben, wenn ich nicht den Mund aufmachen würde

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

27.12.2002

Quelle

Ludwigsburger Kreiszeitung

Autor / Interwiever

Arnim Bauer

Konstantin Wecker heute bei Friedensveranstaltung in Stuttgart - "Es geht bei Kriegen nur um finanzielle Interessen, Macht und Öl"

Konstantin Wecker tritt derzeit nicht nur in Konzerten auf, sondern auch bei Veranstaltungen gegen den Krieg. Heute kommt er um 20 Uhr nach Stuttgart in den Hospitalhof in der Büchsenstraße 33, um mit Hans von Sponeck, dem ehemaligen UN-Koordinator für den Irak, mit dem Stuttgarter Prälaten Martin Klumpp, der Verdi-Landesvorsitzenden Sybille Stamm und Henning Zierock vom Mitveranstalter "Kultur für den Frieden" über die amerikanischen Pläne zu diskutieren und natürlich auch, um seine Lieder zu singen. Die LKZ sprach mit Wecker über sein Engagement.

LKZ: Herr Wecker, Ihre Teilnahme an der Veranstaltung in Stuttgart wie an verschiedenen anderen derartigen Anlässen ist Beleg dafür, dass Sie sich in diesen Bereichen verstärkt engagieren. Aus welchen Gründen?

Wecker: Nun, wenn man liest, dass die USA nicht nur Landminen einsetzen, die weltweit geächtet sind, sondern jetzt auch mit Atomschlägen drohen, das sind für mich völlig neue Dimensionen der Weltpolitik. Ich bin der Meinung, wer jetzt nicht aufwacht, wird nie mehr aufwachen. Jeder, der sich ein wenig mehr informiert, sich mit Krieg und Frieden beschäftigt, als einfach vorm Fernseher Infotainments über sich ergehen zu lassen, der wird die Hintergründe der Kriege auch kennen. Ich lasse mir schon lange nicht mehr einreden, dass es um humanitäre Motive geht, um irgendwelche Schurken zu vertreiben, denn auch die sind wahllos mal gute, die man braucht, und mal böse, die man nicht mehr braucht. Es geht hier eindeutig um finanzielle Interessen, um Öl und um Macht. Dafür werden Menschen geopfert und ich glaube, dass Krieg in keinem Fall eine Lösung sein kann, denn zu 90 Prozent wird die Zivilbevölkerung getroffen. Unschuldige und Kinder. Das zeigt schon, wie recht Willy Brandt hatte, wenn er sagte: Krieg ist nicht die Ultima Ratio, es ist die Ultima Irratio. Krieg ist Krankheit, keine Lösung!

LKZ: Nun gibt es ja das Argument, dass wer gegen die amerikanischen Kriegspläne ist, der sei auch gegen Amerika. Ist es bei Ihnen Antiamerikanismus oder Anti-Bushismus?

Wecker: Anti-Bushismus, in jedem Fall. Ich denke nicht daran, mir meine Argumente mit der Antiamerikanismus-Keule erschlagen zu lassen. Das ist ein ganz infamer Trick. Ich habe viele Freunde in Amerika und es gibt noch viel mehr Menschen in Amerika, die meine Freunde sein könnten, es gibt eine solche Unzahl von kritischen Geistern in Amerika, selbst in Hollywood macht man gegen die Pläne von Bush mobil, und wen wundert´s, dass da nicht die Dümmsten (lacht) auf den Plan treten. Und wenn man mit Amerikanern einmal spricht, die warten sehnsüchtig darauf, dass Europa sich erhebt, die waren überglücklich, als Schröder damals sein jetzt schon wieder wankendes Nein zum Irak-Krieg gegeben hat. Nein, das ist eine ganz faule Masche, ein fauler Trick der Konservativen, uns als antiamerikanisch hinzustellen.

LKZ: Was ist Ihre künstlerische Funktion und Verantwortung, wenn Sie sich dazu zu Wort melden?

Wecker: Wenn man eine gewisse Popularität ins Spiel bringen kann, die eine Veranstaltung, ein Anliegen publik macht, sollte man das im Interesse der Sache auch tun. Das ist die eine Seite, die andere ist die persönliche. Ich habe das Gefühl, ich könnte damit nicht leben, wenn ich nicht den Mund aufmachen würde. Ich glaube nicht, dass ich die Welt verändern kann, aber ich kann nicht anders. Und wenn genügend Menschen etwas sagen, kann man sicher das eine oder andere bewirken. Ich kann auch nicht den Zynismus aufbringen, dass ich sage, was nach mir kommt ist mir egal, denn ich habe Kinder.

LKZ: Sie ergreifen nicht nur das Wort für den Frieden, sondern auch gegen andere gesellschaftliche Mißstände, auch in Ihren Konzerten. Ist es generell so, dass Sie wieder mehr den Finger in die Wunden legen?

Wecker: Die Wunden sind eben auch größer geworden. Es hat sich sehr viel zum Schlechteren gewendet. Die Fronten sind klarer geworden. Immer mehr werden wir in ein Marktverhalten gezogen, aus dem wir kaum noch herauskommen. Man muss mal wieder Adorno lesen. Die Welt wird in ein riesiges Einkaufszentrum verwandelt. Ich erlebe das mit meiner Familie, man muss sich bewusst schon entziehen, man kauft bestimmte Sachen nicht mehr, schaut bestimmte Fernsehsender nicht mehr, weil man sich einfach verarscht vorkommt.