Friedensmissionen im Irak

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

09.01.2003

Quelle

Deutschlandradio

Autor / Interwiever

Birgit Kaspar

Genug ist genug: der Liedermacher Konstantin Wecker will wieder politisch aktiv werden und nur reden über den Irak-Krieg, sei eben nicht genug.

Konstantin Wecker:
"Der eigentliche Grund unserer Reise ist, schon zu erreichen, um es mal ganz pathetisch zu sagen, den Krieg zu verhindern."
Es sei klar, dass ein paar Leute das nicht könnten. Aber man müsse einfach anfangen, etwas zu tun, so Wecker. Deshalb hat er sich auf den Weg nach Bagdad gemacht. Das Ziel der einwöchigen Reise, so haben die Ärzte, Wissenschaftler und der Künstler Wecker es in einem offenen Brief an den deutschen Bundeskanzler dargelegt, eine Solidaritätsbrücke zu den Menschen im Irak zu bauen, die von einem Angriffskrieg bedroht sind. Die 12 Deutschen werden nicht die einzigen westlichen Friedenbewegten im Irak sein.

Inzwischen sollen sich dort mehrere Hundert Menschen eingefunden haben, die durch Taten und Worte versuchen wollen, einen möglicherweise bevorstehenden Irak-Krieg noch in letzter Minute abzuwenden. Von vielen im Westen werden sie belächelt, als naiv betrachtet. Man wirft ihnen vor, sie unterstützten auf diese Weise einen der schrecklichsten Diktatoren unserer Zeit. Der 55-jährige Wecker winkt ab:
"Für mich ist ja gar keine Frage, dass es eine Diktatur ist. Darüber will ich nicht diskutieren. Das ist ganz klar."

Er sei auch früher in die DDR gefahren, und man habe ihm vorgeworfen, Honecker und die Stasi damit zu unterstützen. Er hingegen habe nur für die Menschen dort gesungen und die hätten es ihm gedankt.
"Also - wieso soll man ein Land zweimal bestrafen: Einmal, weil es einen Diktator hat, und zum zweiten wird es von der gesamten westlichen Welt geächtet und dämonisiert und vor allem gleichgesetzt mit Hussein. Es ist aber nicht so - die Iraker sind nicht Hussein, sondern die Iraker sind Menschen."

Und wie bei vielen anderen in diesen Tagen ist dies Weckers zentrales Anliegen:
"Ich denke, man muss versuchen, Menschen zu begegnen. Menschen, denen man begegnet, auf die schießt sich´s nicht so leicht. Man muss versuchen, aus Zahlen Menschen zu machen. Und wenn ich in Talk-Shows, in deutschen Talk-Shows über den Krieg reden höre, es wird nur über Statistiken, über Zahlen, über Ideologien gesprochen, über gut und böse. Es wird nie über Menschen gesprochen, nie über die Tatsache, dass unter jeder Bombe Kinder liegen. Kinder sind die ersten und unschuldigsten Opfer eines jeden Krieges."
Um die Menschen, um die unschuldigen Opfer geht es auch anderen Friedensteams in Bagdad. Eine, die seit Mitte der 90er Jahr immer wieder ihre Stimme aus dem Irak erhebt, ist die mit dem Namen "Stimmen aus der Wüste", die seit 1995 mehr als 50 Friedensdelegationen in den Irak entsandte. Sie will nach eigenen Angaben den ganz einfachen Irakern eine Stimme geben. David Hilfiger, ein Arzt aus Washington, sagt, er sei gekommen, um mit den Menschen, die im Irak leiden, zu sprechen:

"Meine Aufgabe ist es, den Menschen, die keine Stimme bei uns haben und die bei einem Krieg ums Leben kommen werden, eine Stimme zu verleihen."
Auch er müsse sich zu Hause immer wieder anhören, dass dafür doch eigentlich der irakische Diktator verantwortlich sei, der sich nicht um das Schicksal seiner Landsleute kümmere und stattdessen Paläste baue. David Hilfiger:
"Riesige Ungerechtigkeiten gibt es aber in vielen Ländern. Was die Menschen nicht wissen, ist, dass der Irak erfolgreich ein Gesundheitssystem geschaffen hat, das für alle gratis war. Das es hier freie Ausbildung and den Universitäten gab und dass die Kindersterblichkeit reduziert wurde. Erfolge - sehr viel mehr als die umliegenden Staaten."

Viele Friedensaktivisten im Irak sind sich bewusst, dass ihre Worte und Taten von der irakischen Regierung zu Propagandazwecken missbraucht werden könnten. Leute wie Hilfiger, Wecker oder auch Peter Thomson, ein amerikanischer Anwalt, der sich auf Menschenrechte spezialisiert hat, unterstreichen immer wieder: Es gehe nicht um die Unterstützung des Regimes. Peter Thomson:
"Niemanden, den ich hier getroffen habe, würde ich als Verteidiger irgendeiner Nation bezeichnen. Wir sind hier, weil wir versuchen, das zu tun, was wir für richtig halten."

Für ihn als gläubigen Christen, so Hilfiger, sei die Wahrheit ein zentrales Anliegen.
"Es gibt viele Leute, die versuchen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Es gibt viele, die versuchen, die Wahrheit über Massenvernichtungsmittel zu verbreiten. Aber es gibt fast niemanden, der versucht, die Wahrheit über das Leiden dieser unschuldigen Menschen zu sagen." Kann Saddam das benutzen? "Sicherlich! Aber wenn es eine Wahrheit gibt, die nicht ausgesprochen wird, dann verpflichtet mich mein Glaube dazu, dies zu tun."
Die Wahrheit treibt auch den Deutschen Konstantin Wecker um. Er habe ausgerechnet jetzt den Irak für sich entdeckt, meint der Liedermacher und Schriftsteller, weil er glaube, dass dieser Krieg ein entsetzliches Erdbeben auslösen könnte:

"Und weil dieser Krieg so offensichtlich eine einzige große Lüge ist. Es wird uns weisgemacht, es gehe um humanitäre Gründe, es ginge darum, einen Diktator zu entmachten. Es geht ums Öl und ums Geld und ums Geld und ums Öl und um sonst überhaupt nichts."
Er glaube ohnehin nicht an einen gerechten Krieg - nur an einen gerechten Frieden.
"Es kann in dieser heutigen Welt - und das ist meine volle Überzeugung - nichts mehr durch Krieg geregelt werden und gelöst werden. Kriege treffen zu 90 Prozent immer die Zivilbevölkerung. Und es kann durch Bombardierungen kein Friede geschaffen werden."

Deshalb will Konstantin Wecker jetzt nicht schweigen.