Unter jeder Bombe liegt ein Kind

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

04.01.2003

Quelle

Münchner Merkur

Autor / Interwiever

Stephanie Holzmeier

Konstantin Wecker reist mit einer Friedensdelegation in den Irak
Eine Reise gegen den Krieg: Am Sonntag, 5. Januar, bricht der Münchner Liedermacher Konstantin Wecker, 55, zusammen mit der Gesellschaft "Kultur des Friedens" aus Tübingen zu einer achttägigen Reise in den Irak auf. Die Gesellschaft wurde 1988 unter anderem von dem griechischen Musiker Mikis Theodorakis sowie den Schriftstellern Christa Wolf und Tschingiz Aitmatov gegründet. Sie will mit ihrer Reise ein Zeichen gegen den Krieg und für soziale Gerechtigkeit und Entmilitarisierung setzen.
Sie fahren mit einer Friedensdelegation in den Irak. Wie kam es dazu?
Wecker: Ich reise mit Vertretern der Gesellschaft "Kultur des Friedens". Einer Gesellschaft, mit der ich seit vielen Jahren im losen Kontakt stehe. Die Gruppe war schon beim ersten Irak-Krieg sehr aktiv und hat das Land schon öfters bereist. Jetzt, wo ein neuer Krieg unmittelbar bevorsteht, wollten wir wieder etwas tun. Wir fliegen nach Bagdad und treffen dort internationale Gruppen und Künstler. Meine Hoffnung ist, dort ein Konzert geben zu können.
Ein gewagtes Unterfangen.
Wecker: Wir wollen mit diesem Treffen nicht ein System unterstützen. Es ist unbestritten, dass Saddam Hussein ein Diktator ist. Aber man darf ein Volk nicht zweimal strafen. Auf der einen Seite ist es durch einen Diktator gestraft, auf der anderen Seite soll es durch einen Krieg bestraft werden. Die Notleidenden sind wie in allen Kriegen die Kinder. Ich frage mich manchmal, wo das Mitgefühl der Menschen bleibt. Mir haben Leute erzählt, die vor zehn Jahren für irakische Kinder gesammelt und zur Antwort bekommen haben: Wir geben nichts, mit dem Geld werden nur lauter kleine Husseins unterstützt. An diesem Beispiel sieht man, wie Propaganda die Herzen verhärten kann. Ich bin Künstler, kein Politiker. Mir geht es um Menschen, nicht Systeme.
Ich finde es erschreckend, wie leichtfertig Menschen über Kriege reden. Man muss sich klar machen: Unter jeder Bombe liegt ein Kind. Ob die Bellizisten wohl bereit wären, ihre Söhne und Töchter zu opfern? Ich glaube nicht.
Was ist Ihr Anliegen?
Wecker: Eins ist klar: Der Kampf gegen den Terror hat uns nicht die Aussicht auf ein Ende des Terrors gebracht. Einerseits will ich mich vor Ort informieren. Über den Irak wird nur in Klischees berichtet, alles mit Saddam Hussein gleichgesetzt. Das ist es nicht. Denn dort gibt es Menschen, die möchte ich kennen lernen und mit denen möchte ich sprechen. Ich will wissen: Wie fühlt es sich an, wenn man sicher weiß, dass man bombardiert wird.
Ich stelle mir immer vor, ich würde hier in München sitzen und wüsste, in drei Wochen geht`s los. Wie würde ich es meinen Kindern erklären, wie würde ich sie schützen? Es ist eine Frage des Mitgefühls, das man verdrängen kann - ich kann das nicht mehr länger.
Woher kommt Ihr Engagement?
Wecker: Es ging mit dem 11. September los. Auf meiner Web-Seite hatte ich eine Nachfrage, wie ich zu dem ganzen stehe. Da kam ich ins Grübeln. Es ist notwendig, sich zu informieren. Nur der informierte Bürger kann weiterhin eine Demokratie aufrecht erhalten. Auf meinen Konzerten hatte ich das Gefühl, ich kann jetzt nicht nur einfach mein Programm singen. Ich muss mich zur gegenwärtigen Situation äußern.
Das heißt nicht, dass ich vorher für nichts eingestanden bin: Dafür sprechen allein schon Lieder wie "Willy" oder "Im Namen des Wahnsinns".
Am ersten Februarwochenende findet in München wieder die Sicherheitskonferenz statt. Wie stehen Sie zu diesem Treffen?
Wecker: Es ist im Endeffekt ein Treffen von Wirtschaft und Militär. Auch wenn es offiziell um die Sicherheit geht - man weiß, dass hinter verschlossenen Türen Waffengeschäfte abgeschlossen werden. Die Sicherheitskonferenz ist ein geeignetes Forum, um Kriegsgegner zu einer friedlichen Demonstration zu versammeln. Ich hoffe, dass es sich die Stadt nicht nochmal erlauben kann, die Demonstration zu verbieten. Sonst würde sich die Frage aufwerfen: Warum werden die Demonstrationen der Neonazis alle genehmigt und die unseren immer nur verboten.
Ich finde, wir sollten uns nicht länger auslachen lassen, wenn wir von einer gerechteren Welt träumen und dies auch kund tun wollen.
Was tun Sie, wenn die Gegendemonstration verboten wird?
Wecker:Ich werde wieder dabei sein - auch wenn sie verboten ist. So wie im vergangenen Jahr auch schon. Ich glaube, dieser Tag ist ein wichtiger Termin für alle Kriegsgegner.
Verstehen Sie sich als Friedensaktivist?
Wecker: Momentan bin ich wohl so etwas, obwohl ich mich nie so verstanden habe. Eigentlich bin ich Künstler. Musiker. Einer, der sich nicht darauf beschränkt, sich nur um die Poesie zu kümmern.
Kam Ihr Engagement mit der Familie?
Wecker: Ich glaube schon. Mit Kindern kann man nicht zynisch werden. Man kann nicht einfach sagen "nach mir die Sintflut", weil man das seinen Kindern nicht antun möchte. Ich muss auf eine Welt hoffen, in der meine Kinder nicht zwischen Heckenschützen hin und hergetrieben werden, ich muss auf eine Welt hoffen, die nicht atomar verseucht ist. Ich muss darauf hoffen. Ich muss aber auch etwas dafür tun.
Herr Wecker, bitte jeweils ein kurzes Statement zu folgenden vier Stichworten. Frieden...?
Wecker: Da halte ich es mit Ghandi, der sagt: "Wer Frieden will, muss mit Frieden beginnen."
...Bush?
Wecker: Ich versuche zahm zu sein: Bush ist die Marionette einer Waffen- und Ölindustrie und deswegen gefährlich. Er hat den unseligen Kampf Gut gegen Böse wieder in die Welt gebracht.
...München?
Wecker: Es ist ein großes Glück und sicher kein Verdienst in einer Stadt zu leben, in der es einem seit 50 Jahren gut geht und die seit über 50 Jahren keinen Krieg gesehen hat.
...Jugend?
Wecker: Es hat mich gefreut, dass auf der Demo zur Sicherheitskonferenz im Februar vergangenen Jahres so viele Jugendliche waren. Das hat mir gezeigt, dass eine Generation nachwächst, die nicht nur an ihrem Spaß interessiert, sondern die auch motiviert ist und nicht der Meinung nachhängt: Man kann ja eh nichts tun. Das ist ein gutes Gefühl.
Das Gespräch führte Stephanie Holzmeier.