Wachen wir endlich auf!

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

03.01.2003

Quelle

Münchener Abendzeitung

Autor / Interwiever

Michael Backmund

Eine Reise gegen den Krieg. Warum Konstantin Wecker in den Irak fährt

Am nächsten Sonntag fliegt eine internationale Friedensdelegation vom Frankfurter Flughafen in die nordirakische Stadt Mossul. Mit dabei: der Künstler Konstantin Wecker aus München. Die AZ hat mit dem Musiker über seine Reise und den Protest gegen einen drohenden Krieg gesprochen.


Herr Wecker, warum fahren Sie in den Irak?

Ich möchte den Menschen im Irak die Solidarität der Friedensbewegung überbringen und mir selbst ein Bild machen von einer Kultur, über die bei uns meist nur in Form von Klischees berichtet wird. Man philosophiert in deutschen Talkshows wortreich über die Notwendigkeit des Krieges, aber nie spricht einer über Menschen! Unter den Trümmern jeder Bombe sterben Kinder, auf deren Kosten wir unsere Machtspiele austragen, unsere Ideologien rechtfertigen, unsere Unfähigkeit demonstrieren, zuzuhören, einzusehen, zu verstehen und zu verzeihen. Nie spricht einer über die Iraker und Amerikaner, die in diesem Krieg getötet werden, Arme und Beine verlieren, noch Jahrzehnte später an den Folgen der Verseuchung verrecken. Wenn über Tote gesprochen wird, dann in Form von Statistiken. Opfer werden abgewogen. 1000 Iraker gegen einen US-Soldaten oder wie wär´s genehm, um in der Heimat keinen Widerstand zuprovozieren? Aber jeder dieser Toten ist doch ein Mensch, mit einem eigenen Schicksal, eigenen Hoffnungen, Träumen, Sehnsüchten, jeder hatte eine Kindheit, jeder hat Familie und keiner will sterben.

Was sind ihre Pläne im Irak?

Wir werden Krankenhäuser besuchen, mit Familien sprechen, auch christliche Gemeinden aufsuchen und uns mit Künstlern und Friedensgruppen aus aller Welt austauschen. Und natürlich Musik machen. Vielleicht ergibt sich ein Konzert, gemeinsam mit irakischen Künstlern und Musikern aus aller Welt. Ich habe nicht vor, irgendeiner Staatsmacht in den Arsch zu kriechen. Meine Solidarität gilt den Menschen, nicht einem skrupellosen Diktator und seinem Regime. Mit den Menschen will ich mich verbünden, ihre Nöte und Sehnsüchte
teilen und es ihnen, wo es geht, ein wenig zur Seite stehen.

Was versprechen Sie sich von der Reise?

Der Gedanke lässt mich nicht los, wir hier in München stünden kurz vor einem unausweichlichen Bombenangriff. Wie würde sich unser Leben verändern?
Wie hätte sich unsere Silvesterparty gestaltet? Wie unbezwingbar wäre unsere Wut? Wie würden wir unsere Kinder schützen? Wie dankbar wären wir für jeden, der uns die Hand reichte? Ich glaube, ich werde von den Menschen im Irak, denen durch ein unmenschliches Embargo unendlich viel Leid zugefügt wurde, mehr geschenkt bekommen, als ich ihnen geben kann.

Was sagen Sie ihren Kritikern?

Hussein ist ein Diktator, ohne Frage. Aber er wurde von den westlichen Staaten aufgerüstet - darüber spricht heute niemand mehr. Wenn man ihn entmachten will, muss man die irakische Bevölkerung stärken und nicht vernichten.
Wie sollen Menschen, die seit zehn Jahren unter dem westlichen Embargo leiden und täglich 14 oder mehr Stunden schuften müssen, um das Nötigste für ihre Kinder ranzuschaffen, auch noch Widerstand gegen die Diktatur in ihrem Land leisten?

Haben Sie Angst?

Natürlich habe ich Angst - vor allem zu diesem Zeitpunkt. Ich habe intensiv mit meiner Familie über diese Reise gesprochen. Aber als eine Frau dann sagte, "das musst du tun, wie können wir den Menschen denn sonst beistehen", war für mich die Entscheidung gefallen.

Was halten Sie vom "globalen Krieg gegen den Terror"?

Ja, ich weiß, auch die Bellizisten reden von Frieden, von dem Frieden nach dem großen Schlachten, dem finalen Frieden nach dem Krieg. Aber Frieden ist nicht der Zustand zwischen zwei Kriegen. Wer Frieden will, muss mit dem Frieden anfangen. Denn Kriege werden geführt von Menschen, denen sie Vorteil bringen. Entweder direkten Geldgewinn oder Gewinn an Ansehen und Macht.

Warum regt sich in Deutschland so wenig Widerstand gegen den globalen Krieg?

Eine "großindustrielle Oligarchie", die sich ein "demokratisches Mäntelchen umhängt" und unsere Medien wie Marionetten in ihrem Interesse tanzen lässt, entmündigt uns immer mehr und versucht ihre Kriege als humanitäre Aktionen zu verkaufen. Und wir sollen glauben, dass dies alles vernünftig ist, weil es von anscheinend besonnenen, hochrangigen Männern verkündet wird. Aber man ist nun mal nicht automatisch vernünftiger, weil man von Frau Christiansen oder Herrn Kerner eingeladen wird und vorfabrizierte Sprüche mit autoritärem Gehabe verbreitet. Es gibt Politiker, die sprechen von Massenvernichtungswaffen im Irak mit einer Gewissheit, als hätten sie dort am Bau von Atombomben selbst mitgewirkt.

Gibt es Alternativen?

Wie würden die Menschen uns lieben, wenn wir, anstatt sie mit Uran angereicherten Bomben zu überschütten, mit Lebensmitteln und Medikamenten überschütten würden? Wenn wir nach Lösungen suchen würden, wie langfristig ihre Eigenkräfte unterstützt werden können? Wenn wir sie respektieren würden, statt sie zu demütigen?

Glauben Sie nicht an die Parole "Demokratie durch Bomben"?

Es ist doch ein grandioser Irrtum, die US-Regierung wolle wirklich Demokratie im Nahen Osten. Sie unterstützen doch viele undemokratische arabische Regimes. Es geht um Öl, um Waffengeschäfte und neue High-Tech-Waffen, die darauf warten, losgelassen zu werden. Die Bestimmung einer Waffe ist es nun
einmal, nicht im Museum zu enden. Man will mit ihr und an ihren Explosionen
verdienen. Die Leichenfledderer sitzen doch schon zusammen und teilen sich de Kuchen auf: Man braucht ein zerstörtes Land, um es wieder aufbauen zu können.

Und die deutsche Rolle?

Es ist schon erstaunlich, wie schnell in einer rot-grünen Bundesregierung zurzeit die Pazifisten entsorgt werden. Haben deutsche Rüstungskonzerne nicht Milliarden an den Waffenlieferungen an das irakische Terrorregime verdient? War es nicht Giftgas aus Deutschland, mit dem das irakische Regime 1988 tausende Kurden im Nordirak ermordet hat. Deutschland ist längst militärisches Drehkreuz eines geplanten völkerrechtswidrigen Angriffskrieges auf den Irak ? entgegen aller rot-grüner Rhetorik: Hier starten bereits täglich Flugzeuge mit Munition und Militärgerät in den Nahen Osten. Ich fordere die Bundesregierung auf:
Im Falle eines Krieges alle US-Militärbasen in Deutschland zu schließen und
Überflugverbote zu erteilen.

Wie haben Sie sich auf die Reise vorbereitet?

Natürlich bin ich sehr aufgeregt und gespannt. Ich weiß noch nicht, was ich alles einpacken soll, weil noch unklar ist, ob wir in einem Camp oder im Hotel wohnen. Ich habe mit Exil-Irakern gesprochen und vieles erfahren, worüber unsere Politiker nicht sprechen. Am schlimmsten sind die Kinder dran. Schauen Sie sich doch nur die Folgeschäden der Uranangereicherten Nato-Geschosse von 1991 an: Die Krebsrate ist seit dem letzten Golfkrieg um das Zehnfache gestiegen, ebenso die Missbildungen. Im Irak werden Kinder ohne Arme und Beine geboren.

Wird Konstantin Wecker am 8. Februar 2003 wieder gegen die Nato-Sicherheitskonferenz in München demonstrieren?

Selbstverständlich. Und ich werde am Abend nach der Demo ein Konzert geben mit vielen Freunden und Musikern. Wahrscheinlich in der Muffathalle. Ich glaube, dieser Tag wird ein ganz wichtiger Termin für alle Kriegsgegner. Ich kann nur hoffen, wir wachen endlich auf aus unserer Lethargie und bezwingen das Gefühl, man könne nichts tun. Wir können!
Selbst wenn wir die Welt nicht verändern können, ist es wichtig sich zu bekennen. Lasst uns keine Menschen und auch nicht mehr unsere Zeit totschlagen. Lasst uns bekennen: für das Leben und gegen den Krieg. Herr Wecker, vielen Dank für dieses Gespräch.

Interview: Michael Backmund