Die Irak-Reise hat mein Leben verändert

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

13.01.2003

Quelle

Münchener Abendzeitung

Autor / Interwiever

Barbara Brießmann

AZ exklusiv: Der Liedermacher schildert seine ersten Eindrücke

München/Bagdad. Konstantin Wecker ist mittendrin - in Bagdad. Wie die AZ exklusiv berichtete, machte er sich am 5. Januar mit einer internationalen Friedensdelegation auf in den Irak, um sich vor Ort ein Bild von dem Land zu machen, das wieder einen Krieg befürchten muss. Und um den Irakern zu zeigen, dass es Menschen gibt, die gegen diesen Krieg sind.
"Mir wurde vorgeworfen, mit Saddam Husseins Diktatur zu sympathisieren", sagte Wecker wütend. "Ich will zu den Menschen dort." Jetzt ist er da. Die AZ telefonierte mit dem Münchner Liedermacher im Al-Fanar-Hotel in Bagdad. Und wollte wissen, wie die ersten Eindrücke vom Irak sind. "Das ist so eine Fülle, da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll." Deswegen ein paar Erlebnisse und Gedanken der vergangenen Tage in Bagdad. Das ausführliche Tagebuch hat Wecker im Reisegepäck. Nach seiner Rückkehr aus dem Irak - am Mittwoch - wird er es für die AZ-Leser öffnen. Hier nun, was er uns vorab erzählte:

Sonntag/Montag, 5./6. Januar:
Als wir in Amman gelandet waren, mussten wir einen ganzen Tag warten. Weil diese Flüge nach Bagdad halboffiziell sind, müssen sie erst noch von der UNO genehmigt werden. Kaum waren wir im Flugzeug, stand irgendwo ein herrenloses Gepäckstück rum. Also sind wir wieder ausgestiegen. Überall war Militär und Polizei.
Aber dafür haben wir die anderen Reisenden näher kennen gelernt. Alles Friedensaktivisten! Da waren auch Gruppen aus Japan, Italien und den USA. Die Amerikaner hatten sogar die wichtigste katholische Stimme der Friedensbewegung dabei: Bischof Thomas Gumbleton - ein ganz interessanter Mann.

Dienstag, 7. Januar:
Die Ankunft in Bagdad - und der erste Schock: Wir wurden von Luxus-Limousinen vom Flughafen abgeholt und in ein nobles Hotel für ausländische Gäste gebracht. Das mag etwas mit der arabischen Höflichkeit und Gastfreundlichkeit zu tun haben, aber mein erster Eindruck war: Wir sollen vereinnahmt werden. Wir haben darauf bestanden, in ein einfaches Hotel umzuziehen und statt der Limousinen haben sie uns einen Bus zur Verfügung gestellt. Jeder von uns zahlt außerdem seine Reise selbst.

Mittwoch, 8. Januar:
Umzug ins Hotel Al-Fanar. Das ist alt und heruntergekommen, aber voller Charme - und die anderen Friedensgruppen leben auch hier. Zusammen mit den "Peaceful Tomorrows" waren wir beim Bunker "Maryan Shelter", wo im Golfkrieg 488 Menschen, darunter viele Kinder, sterben mussten, weil zwei Raketen in den Bunker abgefeuert wurden. Die "Peaceful Tomorrows" sind Männer und Frauen aus amerikanischen Familien, die alle am 11.September Angehörige verloren haben. Sie treffen sich mit Irakis, die im Golfkrieg Familienangehörige verloren haben. Ich finde es großartig, wie hier negative Energien von Wut und Hass in positive Energie verwandelt werden.
Die Eindrücke sind überhaupt überwältigend. Alles hat in erschreckendem Maß meine Befürchtungen übertroffen. Die Armut ist furchtbar. Wegen des UN-Embargos sind 50 Prozent des Trinkwassers verseucht. Die Menschen werden krank. Es ist eine Sauerei. Und in den Kliniken können die medizinischen Geräte aus Geldmangel nicht gewartet werden. Die Sterblichkeitsrate der Kinder ist um das Vierfache gestiegen.
Aber auf der anderen Seite diese umwerfende Freundlichkeit der Menschen. Wenn man sie anlächelt, wird zurück gelächelt. Man darf auch kaum was bezahlen. Sie laden uns ein, obwohl sie selbst so arm sind. Wenn man einem bettelnden Kind etwas gibt, nehmen es ihm Erwachsene ab und geben es einem zurück, damit sie ihre Würde behalten. Einen Mann habe ich gefragt, ob er sich vor einem neuen Krieg fürchtet. Er sagte zu mir: "Wenn man nass ist, hat man keine Angst mehr vor dem Regen." Aber hier herrscht eigentlich immer Krieg. Was das Embargo angerichtet hat! Der Irak hat sich zurück entwickelt zu einem Entwicklungsland!

Donnerstag, 9. Januar:
Ich bin ganz begeistert von der Arbeit von Alexander Christoph, einem Münchner, der hier lebt. Er gehört zu den "Architects of People in Need". Da bin ich jetzt auch Mitglied. Sie versuchen, konkret zu helfen, obwohl das so schwer ist wegen des Embargos. Das ist ein Eiertanz. Hauptsächlich kümmern sie sich derzeit um die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung.
Am Abend waren wir bei Alexander und haben Musik gemacht. Leider war kein Klavier da, aber eine Gitarre. Und über Alexander habe ich diesen tollen jungen Mann kennen gelernt. Er hat vor sechs Jahren angefangen, Deutsch zu lernen. Er spricht es inzwischen fließend, obwohl er noch nie in Deutschland war. Und er übersetzt auch. "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" - mein Lied habe ich jetzt auf Arabisch. Leider kann ich es nicht singen - aber ich habe es.

Freitag, 10. Januar:
Wir waren in einem Kulturcafé. Dort treffen sich Intellektuelle und Dichter. Sie lesen sich gegenseitig Lyrik vor. Und jeder Zweite hat mit mir über Hegel oder Kant sprechen wollen. Unglaublich, wie gebildet diese Menschen sind. Aber noch unglaublicher ist: Unter das Embargo fallen auch Bücher. Wie kann man annehmen, dass sich ein Volk gegen einen Diktator auflehnt, wenn es für blöd´ gehalten wird!

Samstag, 11. Januar:
Wir übergeben heute Geld an eine Familie. Die Kinder können nicht zur Schule, wie, sie wegen der Armut arbeiten müssen - da kamen nach einem Bericht des "Weltspiegel" im Fernsehen viele Spenden. Ich habe eine Patenschaft über 1000 Euro übernommen. Von dem Geld können die Kleinen zur Schule gehen.

Montag, 13. Januar:
Heute geben wir ein Konzert in Bagdad. Es sind außer mir - ich habe dann auch ein Klavier - irakische und amerikanische Künstler dabei. Wir treten in einem Theater in Bagdad auf. Ein paar hundert Leute passen da rein. Auf jeden Fall werden viele von der germanistischen Fakultät kommen. Der junge Mann, der ein Lied von mir übersetzt hat, wird meine Texte auf Arabisch erklären. Ich singe auf jeden Fall Liebeslieder, denn die Liebes- und Leidenslyrik hat hier im Irak eine lange Tradition. Aber natürlich singe ich auch "Im Namen des Wahnsinns" uns "Das macht mir Mut".

Ein erstes Fazit der Reise:
"Ich bin so froh, dass ich gefahren bin", sagt Konstantin Wecker. "Das hat mein Leben verändert." Für ihn haben sich die Notwendigkeiten und Wichtigkeiten in seinem Leben verschoben. "Es ist auch so wichtig, dass jemand vor Ort berichtet, wie es hier wirklich aussieht, was hier los ist."
Der Münchner hat noch Hoffnung, dass dieser Krieg irgendwie aufzuhalten ist. "Jeder von denen, die Krieg gegen den Irak führen wollen, sollte hierher kommen." Denn was er bis jetzt vor Ort erlebt hat, ist, "dass hier aus Statistiken Menschen werden, aus Zahlen Gesichter."