Konstantin Wecker, zurzeit Bagdad

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

14.01.2003

Quelle

Süddeutsche Zeitung

Autor / Interwiever

Heiko Flottau

Out of München

Seit fünf Tagen hält sich der Musiker Konstantin Wecker mit einer Delegation im Irak auf. Die Tübinger Gesellschaft "Kultur des Friedens" möchte sich während der einwöchigen Reise ein Bild von der Lage im Land machen, etwa im Dialog mit Künstlern in Bagdad. Im Gespräch mit der SZ berichtet Wecker von seinen Erfahrungen.
SZ: Bagdad ist nicht gerade eine Stadt, in der man den politischen Liedermacher Konstantin Wecker erwartet. Was hat Sie in den Irak gebracht?
Wecker: Ich habe mich viel mit dem Embargo gegen den Irak beschäftigt. Es ist das schärfste Embargo, das je in der Welt verhängt wurde. Ich habe mich auch mit den Kriegsvorbereitungen beschäftigt. Diese Problematik habe ich schon in Deutschland in meinen Konzerten thematisiert. Dann kam diese Einladung. Ich habe einen Tag überlegt. Dann habe ich zugesagt.
SZ: Ihr erster Eindruck vom Irak?
Wecker: Ich habe mir den Eiertanz, den man hier gegenüber der Regierung aufführen muss, nicht so schlimm vorgestellt. Auf der anderen Seite habe ich viel Leid gesehen. Das irakische Volk ist zweimal geknechtet: von seiner Regierung und vom Embargo. Ich sehe, dass die Theorie der doppelten Verelendung, wonach sich ein geknechtetes Volk einst erheben wird, nicht funktioniert. Ich war in einem Krankenhaus. Ich habe gefragt, was ich tun kann. Der Arzt antwortete, dass der Irak keine Geschenke wolle. Doch wegen des Embargos werden irakische Ärzte nicht mehr zu internationalen Kongressen eingeladen. Die Menschen sind hungrig danach, sich intellektuell auszutauschen. Nun aber werden Menschen intellektuell abgeschnitten. Selbst Bücher kommen nicht ins Land. Wie soll sich da ein Volk emanzipieren?
SZ: Vor welchem Publikum singen Sie?
Wecker: Vor Amerikanern, Italienern, Deutschen, vor Friedensgruppen, vor Nicht-Regierungs-Organisationen. Einige Iraker von der Germanistischen Fakultät der Universität wurden persönlich eingeladen. Die waren froh, dass sie endlich einmal mit einem Deutschen deutsch sprechen konnten.
SZ: Was erwarten Sie von Ihrem Auftritt in Bagdad?
Wecker: Vielleicht können wir mit den Menschen näher zusammen rücken. Sonst erwarte ich keine weltbewegende Sache. Ich werde nach meiner Rückkehr den Menschen in Deutschland über die Auswirkungen des Embargos berichten.
SZ: Wird Ihr Auftritt vom Regime zu Propagandazwecken genutzt?
Wecker: Das wird passieren. Hier gibt es so etwas wie eine Desinformationspresse. Die schreiben, was sie wollen. Aber: Wir bezahlen unsere Reise selber. Wir wurden mit schwarzen Limousinen abgeholt. Das passte uns nicht. Wir haben um einen kleinen Bus gebeten, der uns auch gegeben wurde. Wir sind aus dem Luxushotel "Raschid" ausgezogen. Es gibt so viel Armut um uns herum. Da konnten wir nicht in einer Fünf-Sterne-Herberge logieren. Ich persönlich suche den Umgang mit den Menschen, nicht mit den Offiziellen der Regierung.
SZ: Was würde ein Irak-Krieg bedeuten?
Wecker: Ein Zurückbomben in die Zeit vor der Aufklärung. Jedes Recht würde gebrochen. An seiner Stelle würde das Recht des Stärkeren herrschen. Ein Krieg wäre der Beginn zu weiteren Aktionen dieser Art. Die politische Kultur des Westens würde umgestülpt.