Wecker reibt sich am "Vaterland"

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

25.11.2002

Quelle

Stuttgarter Nachrichten

Autor / Interwiever

Jörg Scheller

Konstantin Wecker scheint sich wohl zu fühlen, nachdem er laut Internettagebuch vor Systemhass schier kollabiert wäre. Forschen Schritts tritt er auf die Bühne des Ludwigsburger Forums und blickt ins Publikum mit diesen Augen, die stets mehr Spiegelfläche der Außenwelt zu sein scheinen als Bullaugen zur Seele. Hier bin ich - seht ihr die Nation?

Von guter Laune aber singt er nicht im Forum Ludwigsburg. Trotz augenscheinlichem Spaß bei den Improvisationen über Stücke seiner letzten CD "Vaterland". Singt vielmehr: "Es geht mir beschissen." Singt vom Vaterland, das ihm keines ist. Weckers großes Thema. Da rollt er über die flatternde Zungenspitze das ihm eigene "Rrrrr", ein klischeehaft deutscher Laut, wie man ihn im Ausland gerne karikiert. Militärisch. Altmodisch. Und scheint gerade damit die Deutschtümelei und "die Dummheit" überrumpeln, zerreiben zu wollen. Von innen heraus. Just mit der Stimme eines Deutschen.

Zwei Pianospieler nur untermalen dieses kraftvolle, intelligent attackierende Organ: Der unauffällige, technisch aber exzellente Jo Barnikel und Wecker selbst, mit 55 Jahren jugendlich ergraut, die Texte mal mit Lesebrille vom Blatt erspähend, mal frei vortragend. An ihm ist es nun, den Raum zu füllen. Tut er´s nicht allein über den Klang, nicht mit rauchigem Flüstern, nicht mit markig geschmetterten Zeilen, dann mit der Botschaft.

Da steht der Zeiger des Weckers immer auf kurz vor zwölf, brodelt die Lyrik überschäumend auf dem Krisenherd, mal schwarzhumorig, mal trauernd, mal bohrend. Wie man auch zu seiner Kritik stehen mag: Als einer der wenigen tut er sie kund. Unverblümt, aber nicht unüberlegt. Und wie er dasitzt, in diesem leeren schwarzen Schaukasten, ganz ohne Kulisse, das ist ein schaurig-schönes Bild dafür, wie sich Wecker im "Vaterland" oft gefühlt haben mag.

Mit einem Talking-Blues geißelt er Bushs neues Amerika und das kapitalistische System gleich hintendrein: "Kriege sind immer ein Bombengeschäft." Dann lässt er im zynischen Walzertakt "die Börsianer tanzen", geradewegs in den Suizid.

Auflockerung, endlich, Gelächter. Und am Ende singt er das berühmte Frühlingslied. Aber auch da pocht der Schmerz. Indes, "ein schöner Schmerz". Genau wie dieses Konzert. Jörg Scheller