Die Kunst des Neinsagens blüht wie eh und je

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

25.11.2002

Quelle

Mannheimer Morgen

Autor / Interwiever

Susanne Kaulich

LIEDERMACHER: Konstantin Wecker beeindruckte mal wieder in der Heidelberger Stadthalle

Von unserer Mitarbeiterin Susanne Kaulich

Wenig Make-up, viele Wollpullis und Wuselbärte, ein paar versprengte Rastalocken, zurückweichende Hofratsecken bei den ehemals Progressiven - Wackersdorf-Demos sind lang schon vorüber, die Liebe zu Konstantin Wecker jedoch nicht. Anheimelnd familiär ist die Stimmung, als das unverwüstliche Münchner Liedermacher-Urgestein mit Partner Joe Barnickel die nur mit einem Bösendorfer-Flügel und Synthesizer bestückte Bühne der Heidelberger Stadthalle betritt.
Wecker und sein Publikum sind vom ersten Akkord an eins. "I werd oid" beklagt er, und sein Publikum werde es mit ihm. Doch Weckers aufbegehrende Kampfeslust, die couragierte politische Unkorrektheit sowie seine suggestive Überzeugungskraft haben die Zeiten überlebt. In Weckers Lieder, wie eh und je unverschnörkelt, aber trotzdem ungemein poetisch getextet, mischt sich allenfalls eine interpretatorische Altersweisheit: "Meine Lieder sind nämlich meistens klüger als ich", gesteht er und wundert sich genau wie sein Publikum, dass die oft 25 Jahre alten Texte heute genauso aktuell sind wie seine neuen.
Gesellschaftskritik und Politphilosophie sind gerade nach dem 11. September angesagt. Es betreibt sie jedoch kaum einer. Wecker aber "sagt nein" zur amerikanischen Irakpolitik, zum Waffenhandel, zum Börsenkarussell und zum Chauvinismus gegen Ausländer und Behinderte. Mit glänzend formulierten Moderationspfeilen und sarkastisch-witzigen, treffsicheren Liedertexten. Mit den üblichen Betroffenheitsbekundungen hat er nichts gemein: Weckers soziales und politisches Engagement - etwa für das Heidelberger Bildungs-und Beratungszentrum zur Förderung und Integration behinderter und chronisch kranker Frauen und Mädchen, dem ein Teil der Konzerteinnahmen zufließt - wirkt sympathisch und glaubwürdig.
"Vaterland/Improvisationen" hat Konstantin Wecker seine Tournee überschrieben. Der erste Begriff lässt sich für ihn, den nachdenklichen Kritiker, kaum fassen. Umso mehr der Zweite: Er rezitiert scheinbar willkürlich Texte aus eigener Feder, die auch den italophilen, hedonistischen Gefühlslyriker erkennen lassen. Dazu improvisiert er am Klavier mit einem Spaß und einer Virtuosität in ausladenden Zwischenspielen, jazzt, bluest, rockt, ulkt und zitiert klassische Musik, dass es eine wahre Freude ist. Barnickel liefert mit Trompete, Zweitstimme, Tasten- und Knöpfearbeit den immer stimmigen "Sound": blindes Einverständnis zwischen zwei musikalisch kongenialen Partnern.
Natürlich schluchzt Weckers unverwechselbare Stimme bei den alten Liebesliedern, aber wenn er den "Willi" erweckt, um ihm die gegenwärtige Lage des Vaterlands zu schildern, klingt die Stimme rau, anklagend, schneidend, ratlos und verzweifelt. Konstantin Wecker hat nach wie vor oder gerade jetzt wieder viel zu sagen. Er tut´s eindringlich. Und macht ohne irgendwelche Show-Kinkerlitzchen eine Klasse Musik dazu.