Ein ganzes Land als Vater ist gelogen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

25.11.2002

Quelle

Saarbrücker Zeitung

Autor / Interwiever

Wolf Porz

Konstantin Wecker legt auf seiner "Vaterland"-Tournee in Merzig einen Zwischenstopp ein
Frage: Konstantin-Wecker-Konzerte dauern heute wieder mitunter drei Stunden. "Das ist der alte Wecker", jubeln die Fans.
Wecker: In gewisser Weise trifft das zu. Ich denke, ich bin insofern der Alte, weil ich zur alten Spielfreude zurückgefunden habe. Aber durch persönliche Erlebnisse hat sich bei mir viel verändert, mein Blick auf die Welt ist ein anderer geworden. Also auch ein ganz neuer Wecker.
Frage: Bei der ersten Hälfte der Vaterland-Tournee waren Sie mit Band unterwegs, jetzt treten Sie nur mit dem Keyboarder Jo Barnickel auf.
Wecker: Ja, die jetzt laufende Tournee ist wie ein Solo-Programm. Jo ist wie ein Spielgefährte auf der Bühne. Wir können uns jeden Abend gegenseitig die Bälle zuwerfen. Das macht Spaß - uns, und dem Publikum sowieso.
Frage: Die Tournee heißt "Vaterland". Was bedeutet für Konstantin Wecker der Begriff Vaterland?
Wecker: Ich versuche in einem Lied den Begriff von Heimat abzugrenzen und mit dem Vater in Verbindung zu bringen. Und frage, ob der liebevoll ist, streng, ob er sich sorgt oder ob wir ihm egal sind, ob er Grenzen steckt. Und komme zu der Überzeugung: Ein ganzes Land als Vater war schon immer gelogen.
Frage: Die Politik eines anderen Vaterlandes, das der Amerikaner nämlich, versetzt Sie in Harnisch.
Wecker: Ja, da gibt es ein paar Sachen, die mich krank machen. Schau´n Sie, wenn ich höre, dass vor dem letzten Irak-Krieg der Kuchen schon aufgeteilt war, das ist dermaßen was von typisch für die Politik der USA. Das Land braucht ständigen Krieg, damit es mit der Wirtschaft läuft. Und dann reden die auch noch von Humanität, was alles gelogen ist. Dazu muss ich einfach den Mund aufmachen.
Frage: Sie wirken auf der Bühne kämpferisch. Hat sich Wecker, der erklärte Pazifist, zum Kämpfer gewandelt?
Wecker: Es gibt ja auch kämpferischen Pazifismus. Mir geht es um Frieden. Und ich möchte den Menschen sagen, dass sie nicht bedingungslos den Regierenden vertrauen sollen.
Frage: Sind Wecker-Texte heute mehr vom Kopf gesteuert?
Wecker: Ich entlasse mein Publikum aus den Konzerten mit der Botschaft: "Wage es zu denken". Dieses Wagnis des Denkens, des Hinterfragens, das gehen heute leider immer weniger ein. Ich will vermitteln, dass Information eine demokratische Bürgerpflicht ist.
Frage: Darf ich daraus ableiten, dass es keinen poetischen Wecker mehr gibt?
Wecker: Schmarrn. Es dreht sich alles um Poesie. Poesie ist klüger als Politik, denn sie schöpft aus einer Quelle tief im Inneren von uns allen.
Frage: Von uns allen?
Wecker: Träume sind Poesie, Mathematiker sprechen von der Poesie der Zahlen. Poesie ist überall. Aber sie geht oft verloren. Die Dogmen der Kirche zum Beispiel ersticken jede Poesie und Fantasie. Wir müssen das Erstickte bergen.
Frage: Wie Sie es etwa im Zwiegespräch mit ihrem alten Freund "Willi" tun. Das Stück hat Sie vor 20 Jahren, allerdings mit anderem Text, bekannt gemacht.
Wecker: Ja genau. Ich habe bewusst diesen Talking Blues eingebaut. Er ist nicht essayistisch. Da habe ich die Möglichkeit, mir alles von der Seele zu schreiben. Und ich erzähle dem Willi, was sich alles verändert hat seit dem 11. September. Ich erzähle von dem Krieg, vor dem wir uns befinden. Ich bin sicher, das Gespräch mit dem Willi wird nie enden.