Die heiligsten Momente im Leben sind die, in denen das Denken schweigen kann.

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

25.11.2002

Quelle

X-ACT

Autor / Interwiever

Herbert Möbius-Patek

Herbert Möbius-Patek im Gespräch mit Konstantin Wecker, Musik-Magazin X-ACT Nr.64, September/Oktober 2002


X-ACT: Auf der CD "Vaterland" ist auch das Älterwerden ein Thema. Du bist 55, wie stehst du dazu, noch dazu als Jungvater?

Konstantin Wecker: Dadurch, dass ich nicht richtig Zeit zum Älterwerden hatte, weil ich die Zeit des Umbruchs, zwischen dem vierzigsten und fünfzigsten Lebensjahr, die meines Erachtens von der Natur dafür vorgesehen ist dass man sich darauf vorbereitet dass man nicht mehr der Jüngste ist die habe ich mehr oder weniger in einem Zustand erlebt, in dem ich alles gemacht habe, nur nicht mich darauf vorbereitet. Es war ein Zustand der mir auch so eine Art ewige Jugend versprochen hat, und als ich dann aufgewacht bin, war ich plötzlich alt. Durch die Nüchternheit, durch den ganzen klaren Einblick den ich plötzlich hatte, kam eine Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit, wie ich sie früher, in dieser ehrlichen Form, nie geführt habe. Ich habe mich schon damit auseinandergesetzt auch in Liedern, habe den Tod angesungen, viel vom Tod geschrieben. Aber immer in einer kokett intellektuellen Form, nie in einer direkt betroffenen. Und plötzlich war ich betroffen und diese Betroffenheit hat sich bis heute gehalten. Ich habe ein sehr oberflächiges Leben geführt, war aber in meiner Arbeit überhaupt nicht oberflächlich, ein eigenartiger Widerspruch.

Die Musikbranche ist krisengeschüttelt, CD-Brenner, Umweltkatastrophen. Terror und Krieg usw. Du hast allem zum Trotz ein Plattenlabel gegründet.

Ich habe dieses Label für den Kinderbereich gestartet, wie sagt man in der Branche, Family-Bereich. Übrigens: der einzige Bereich der im Moment kein Minus aufweist, sogar Zuwachs hat. Dieser Bereich ist etwas ganz Wichtiges. Ich merke immer mehr, dass wir in dieser Gesellschaft, dem ganzen System des totalen Marktes, dem kapitalistischen System oder der Religion des totalen Marktes, wie immer man es nennen mag, keine Chance mehr haben, wenn nicht eine totale Abkehr vom System geschieht. Wir müssen damit beginnen unsere Kinder völlig neu zu erziehen. Ich beurteile Menschen nicht nach dem was sie anhaben, wie viel Geld sie verdienen, ob sie Chefs sind, nicht danach ob sie irgend etwas haben, sondern nach der Fähigkeit ihrer Güte, nach dem Wunsch gütig zu sein. Das ist für mich der Maßstab mit dem ich Menschen betrachte und betrachten möchte und das wird der Maßstab sein für unsere Kinder. Wir dürfen sie nicht mehr zum Gehorsam erziehen, damit sie sich nicht selbst fremd werden. Kinder sollen musikalisch unterhalten werden. Ja, und da soll man sie nicht verarschen, das ist das Einzige das ich sage. Da soll man mit Herz daran gehen. Also bei allem was ich für Kinder schreibe, mache ich von der Kraft und der Energie, vom Energieaufwand her, überhaupt keinen Unterschied ob es für mich, für Erwachsene oder für Kinder ist, ich gehe mit der gleichen Begeisterung daran und mit dem gleichen Aufwand. Für die "Dschungelbuch"-CD, die erste auf diesem Label, für die haben wir das gleiche Geld ausgegeben wie für eine Erwachsenenproduktion. Das ist sehr unüblich im Family-Bereich.

Du hast dich mit dem Musical "Das Dschungelbuch" an eine Produktion gewagt, obwohl die Filmmusik von Walt Disney sehr bekannt ist?

Ja, es war ein Wagnis. Wir hatten bereits eine Art Vorpremiere und ich kann vorweg sagen, von der ersten Sekunde an, die Kinder haben keinen Augenblick die anderen Songs vermisst und haben schon beim ersten Song mitgemacht. In einer Kritik hieß es, wir hätten es geschafft diese wirklich sehr guten Disney-Songs - und die sind gut, das ist gar keine Frage - in den Bereich der Oldies zu verweisen und das Ganze neu zu erfinden. Der Christian Berg macht das auch wirklich zauberhaft, also ich glaube, da ist uns wirklich etwas gelungen. Ich denke nach 40 Jahren Disney-Dschungelbuch, verträgt es auch etwas Neues. Unsere "Dschungelbuch"-CD wird Ende Oktober herauskommen.

Wann werden die ersten Konstantin Wecker-Lieder auf dem eigenem Label erscheinen?

Ich weiß noch nicht einmal ob meine Lieder wirklich auf meinem Label erscheinen werden. Ich habe es bisher immer sehr gut gehabt, denn ich habe wirklich alle künstlerischen Freiheiten gehabt, die ich wollte. Es hat mir niemand dreingeredet über zwanzig Jahre, ich konnte auch meine Fehler selber machen. Ich habe noch keine Ahnung was ich nach der Vaterland-CD machen werde. Nach so einer Sache falle ich immer in ein sehr großes kreatives Loch, in dem bin ich im Moment.

Welche Drogen gibt es im Leben des 55jährigen Konstantin Wecker?

Ich bin gerade dabei die allerletzte einzustellen, das Nikotin. Das auf die Bühne gehen bezeichne ich nicht als Droge, es hat vielleicht die Wirkung einer Droge, aber es ist keine. Ich will überhaupt keine, kein bisschen mehr, kein Fitzelchen mehr von einer Droge zu mir nehmen. Ich möchte auch die schönsten Dinge die es gibt, das ist eben Klarheit des Geistes, das ist sicher auch die Ekstase in den meditativen Momenten, beim Klavier spielen, beim Schreiben, im Konzert mit dem Publikum zusammen, in größter Klarheit erleben. Einer Klarheit, die nicht durch Denken getrübt ist. Es gibt eine denkerische Klarheit, die ist auch ganz wichtig. Aber die heiligsten Momente im Leben sind die, in denen das Denken schweigen kann.

Ein Höhepunkt deiner Konzerttournee ist der Monolog mit "Willy". Was passiert da?

Ich erzähle einfach dem Willy meine Sicht der Welt seit dem 11.9.2001, weil es einfach notwendig und wichtig ist. Es ist so einseitig glauben zu wollen, was wir so von den Medien und unseren Politikern erzählt bekommen. Es gibt auch die ganz andere Seite, die Seite der Unterdrückten, die sich zu Recht unendlich erniedrigt fühlen, weil ihnen unsere westliche Welt seit Jahrzehnten die Ressourcen nimmt. Kriege werden geführt um an die Ressourcen heranzukommen. Das sind Dinge die einfach nicht fair mitgeteilt werden. Seit Bush dem Irak mit dem Krieg gedroht hat, sind die Aktien der Ölmultis ins Unermessliche gestiegen, jeder weiß, dass Bush am Öl beteiligt ist. Das muss doch dem Dümmsten jetzt irgend einmal auffallen, worum es da unten geht. Nicht um Menschenrechte, es geht um Geld und um Öl. Man tut bei uns immer noch so, als ginge es um die Freiheit. Freiheit für wen, wer sieht wo seine Freiheit? Es gibt so viele Dinge, die man anders sehen kann. Nachdem ich einen Monat nach dem Anschlag auf Tour gegangen bin, habe ich den "Willy 3" verändert. Die ersten Wochen waren sehr kritisch, aber dann habe ich gemerkt dass immer mehr Leute tief in ihrem Herzen ähnlich denken, aber sich nicht trauten im Zuge der großen Betroffenheit. Bush hat sich ja inzwischen zum Diktator aufgespielt. Pünktlich mit dem 11.9. ist doch jede Diskussion um seine Präsidentschaft, die sowieso erlogen und erstunken war, hinfällig gewesen. Kein Mensch redete mehr davon, man durfte nicht mehr darüber reden. Auf jeden Fall bin ich dem "Willy" dankbar, auf diese Weise kann ich mit ihm reden und diese Sachen erzählen und dadurch kann ich es auch dem Publikum erzählen. Es ist praktisch, es ist keine große Kunstform, es ist kein Gedicht, es ist ein "Talking Blues".

Hat der "Willy" ein Gesicht für dich?

Der "Willy" ist ein Teil von mir. Der "Willy" ist der, mit dem man Selbstgespräche führt wenn man wütend ist. Jeder hat so einen "Willy".

Was kann getan werden?

Wenn nicht eine totale Abkehr vom System geschieht, wird diese Erde und die Menschheit zu Grunde gehen. Ob das nun in der Geschichte des Universums so wichtig ist, ist etwas anderes, aber für jeden Einzelnen ist es sehr wichtig. Und für jemanden der Vater ist, ist es auch sehr wichtig. Für unterdrückte, für ausgebeutete, für verhungernde Menschen ist es auch sehr wichtig. Also was kann man tun? Das System kann sich nicht mehr kurieren, denn in einer Gesellschaft in der alles käuflich geworden ist, die ihre gesamte Wertigkeit nur als Verkaufswert entdeckt und erkennt. Eine Gesellschaft in der der Mensch erzogen wird, dass er der Feind des Nächsten zu sein hat nämlich sein Konkurrent. In der so etwas wie Vertrauen und Staunen als Schwäche ausgelegt wird, eine Gesellschaft die rücksichtslos alles ausbeutet was die Erde in Jahrmillionen hervorgebracht hat. Das hat aber auch wieder damit zu tun, dass die Gier zu groß ist, wie soll sich dieser Kapitalismus noch selbst retten. Da sitzen Menschen zusammen in Johannesburg und versuchen über etwas zu handeln wo sie eigentlich handlungsunfähig sind. Die Politiker müssten in ihr Land gehen und deutlich sagen, Leute es geht nicht darum ob hier ein paar Arbeitslose mehr oder weniger sind. Es geht ganz konkret darum, dass im Jahr so und so viele Millionen Menschen verhungern, es geht konkret darum, dass jeden Tag so und so viele Tierarten aussterben, dass unser Klima nicht mehr mitmachen wird wenn wir weiter in die Autoindustrie, der wir Arbeitsplätze verdanken, hineininvestieren. Darüber müsste man reden. Aber das kann sich kein Staatschef auf dieser Welt erlauben, obwohl es eigentlich das Erstrangige ist. Leute, die in diesem maroden System verhaftet sind, die nach wie vor der Meinung sind, Öl ist etwas was man sich kauft oder notfalls durch Kriege erobert. Wie sagt Präsident Bush so schön, "American way of life", der ist nicht verhandelbar. Was bedeutet "American way of life"? Dass vier Prozent der Weltbevölkerung zwanzig Prozent der Energie verpuffen! Wenn so etwas nicht verhandelbar ist, dann sieht man eigentlich keine Chance mehr. Diese Gesellschaft hat überhaupt keine Chance mehr. Ich gebe nur den Menschen eine Chance, und ich gebe den Kindern eine. Also wo müssen wir ansetzen? Bei den Kindern!