Ein ganzes Land als Vater war schon immer eine Lüge

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

25.11.2002

Quelle

Cuxhavener Nachrichten

Autor / Interwiever

Hans-Christian Winters

Konstantin Wecker gastierte mit Partner Jo Barnickel in den Hapag-Hallen

Vaterland - Muttersprache: während die eine ihm - wie die Sprache der Musik - uneingeschränkt und bewundernswert 711 Gebote stelzt, hat er mit dem anderen so seine Probleme: "Ein ganzes Land als Vater war schon immer eine Lüge", sagt Konstantin Wecker, der am Sonntagabend vor rund 400 Besuchern in den Hapag-Hallen seine "Vaterland-Improvisationen" vorstellte.

Dieser Wecker hat so gar nichts von dem, den die Cuxhavener als Komponisten der Sommertheater-Hits von Christian Berg kennen und schätzen. Kinder hatten denn auch bei diesem Konzert eigentlich nichts verloren - sie werden wohl schwer enttäuscht gewesen sein.

Dieser Wecker ist mit sich und der Welt, weit über das heimisch-unheimliche Bayern und das sperrige Vaterland Deutschland hinaus, vielfach im Unreinen, Und das nicht nur, weil es in ihm "novembert" oder weil er zur bayrischen Variante der Schwermut, dem "Werdann", neigt, sondern aus gutem Grund. Denn alles, was Wecker da in Liedern und Texten zur aktuellen Lage anzumerken hatte, musikalisch glänzend umgesetzt von ihm und seinem kongenialen Partner Jo Barnickel an den Keyboards, war irgendwie richtig.

Irgendwie hatte er immer Recht, ob im Dialog mit seinem alter ego Willi, mit dem er sich nach dem 11. September wieder mal ausgetauscht hat, oder mit seiner Kritik an jenem Terroranschlag, aber auch an dem, was seither weltweit passiert ist, ob mit der Kritik an der Vorherrschaft des freien Marktes über den freien Geist, am Irrglauben, Terror könne mit Waffengewalt beseitigt werden oder Kriege könnten Probleme lösen ("Kriege sind ein Bombengeschäft und sonst gar nichts"). Irgendwas ist scheint´s dran, das haben wir vorher auch schon irgendwie gefühlt. Aber so wie der Wecker können wir es eben nicht ausdrücken und deswegen muss er das eben sagen oder so schön singen, wie er das tut.

Es ist mit Wecker schon so, wie er das in einem seiner spröden Liebeslieder beschreibt: "ohne Dich kann ich nicht leben, doch es ist schwer, mit Dir zu sein", so widersprüchlich das Gefühl, so uneingeschränkt die Bewunderung für den Texter und Komponisten, für Wecker und seinen Partner Jo Barnickel, die sich blind verstehen und auf der Bühne von der ersten bis zur letzten Minute eine konzentrierte Einheit bilden. Und damit einen Abend gestalteten, der - trotz mancher denkbarer Einwände - doch ein Erlebnis war.