Musikalischer Balsam fürs (linke) Gemüt

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

28.11.2002

Quelle

Rockharz

Autor / Interwiever

Thorsten Kurth

"Vaterland Improvisationen": Ovationen für Konstantin Wecker und Jo Barnikel in Osterode

Osterode. "Vater, ich hab dich lieb." Mit einem poetischen Dank an den, der ihm die Musikalität eingab, rundete Konstantin Wecker am Montagabend seinen Auftritt in der Osteroder Stadthalle ab.
Ein eindeutigeres Bekenntnis als drei Konzertstunden zuvor, da der Bayer die Vaterschaft (hier: der Nation) noch zweifelnd unter die Lupe nahm. "Vaterland - ein Begriff, den ich weder liebe noch hassen kann", sang er, und gab damit die inhaltliche Marschrichtung des Abends an: kritisch, doch stets auch ambivalent. Mit Kontrapunkten und sanft plätscherndem Klavierspiel.
Kein scharfes Wort, das Wecker nicht selbst entschärfte. Amerika überzöge die Welt mit Tod und Gewalt. Den Werten aber, die es auf dem Schwerte vor sich herträgt, denen stimmte der Liedermacher zu. Und überhaupt: "Das System", es müsse Kriege produzieren. Aber Frieden, der kommt für den Künstler nur in die Welt, wenn jeder - ganz persönlich - "mit sich selbst identisch" wird. Ähnlich die existenziellen Bekenntnisse: So kokettierte Wecker mit dem Freitod als Handlungsmöglichkeit, nicht ohne einzuschränken, man habe ja nicht unbedingt einen "triftigen Grund" zum Selbstmord zu finden.
"Ach, müssen denn Lieder und Gedichte logisch sein?", mag sich da mancher Zuhörer ob des nach wie vor überzeugenden Charismas in Weckers Stimme und Tastenschlag gefragt haben. Dem gab sich der halbgefüllte Saal denn auch mit wachsender Begeisterung hin. Klänge, mit denen er noch immer das (linke) Gemüt wärmen kann, wie wohl kaum ein anderer. Jo Barnikel gab dazu, an E-Piano und Keyboards, und hie und da mit Trompetenstoß, den idealen Begleiter ab. Klang Weckers Stimme mal belegt, mal kratzig, half der Partner eben gesanglich (beim Refrain) etwas aus. Nahezu perfekt war zudem das Zusammenspiel bei den Gemeinschafts-Ausflügen in die Improvisation.
Jazzig kam auch der dramaturgische Höhepunkt des Abends daher: der Überraschungsauftritt des Duos Weiß. Zwei Musiker aus der Gemeinschaft der Sinti, die - nach der Variation eines Django Reinhardt Stücks - Wecker mit Kontrabass und Gitarre zu dessen Parodie eines mordlustigen "Zigeunerhassers" begleiteten.
Die Vorgeschichte des Gastauftritts: Aus dem Zusammenhang gerissen, hatte der Liedtext auf einer Internet-Seite geprangt und so für Wutausbrüche gegen den - ob seiner Überzeugungen manchem unbekannten - Künstler gesorgt. Wecker wäre nicht Wecker, hätte er nicht im persönlichen Kontakt mit dem niedersächsischen Repräsentanten der Sinti und Roma, Ricardo Laubinger, die Vorwürfe einfühlsam geklärt und nun in ein mitreißendes und spürbar warmherziges Bühnen-Plädoyer gegen den Antiziganismus gewendet.
Der Beifallssturm für das musikalische Zwischenspiel gab dem Münchner zusätzlichen Schub. "Ich brauch kein´ Psychiater, ich hab´ ja mein Publikum", gab er zu. Beim Reigen der Zugaben strahlte er erst recht die volle Betriebstemperatur des Vollblutmusikers ab, die das Publikum schon vor dem Auftritt mit erwartungsfrohem Applaus herbeigesehnt hatte. Stets zwischen Lebenserotik und politischer Moral pendelnd, ließ er seine musikalischen Stimmungsgemälde denn auch so lange Wirkung entfalten, bis sich ganze Zuschauerreihen zum rhythmischen Abschiedsapplaus erhoben.
Thorsten Kurth

http://www.rockharz.de/new/chronik/wecker/wecker.html (Dort gibt es auch Fotos aus dem Konzert!)