Eine Reise durchs Ich

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

01.12.2002

Quelle

Saarbrücker Zeitung

Autor / Interwiever

Leslie Dennert

Merzig. Was macht einen schönen Abend mit Freunden aus? Inspirierende Gespräche über das Schöne und Hässliche des Lebens, eine Menge Albernheiten, Lästern über Politik, ein Gedankenaustausch über Sorgen, Wünsche und Sehnsüchte. Man ist unter sich, spricht sich gegenseitig aus der Seele. Genau das macht auch Konstantin Wecker bei seinem Konzert am Samstag in der Merziger Stadthalle. In Begleitung des famosen Keyboarders Jo Barnikel präsentierte der Liedermacher fast drei Stunden lang sein Programm "Vaterland/Impressionen". Und hält seinem Publikum nicht nur den Spiegel vor, sondern zeigt auch, wie es dahinter aussieht.

Sphärische Klänge eröffnen den Abend. Auf der einen Seite Wecker am Flügel, auf der anderen Barnikel an den Keyboards, mit denen er im Laufe des Abends ein halbes Orchester auf die Bühne holt. Eins ist klar: Wecker kritisiert, wo er nur kann. Vor allem aber da, wo man soll. Charmant-bissige Verse umschreiben etwas Bushs "heldenhaften" Aktionismus oder die letzten Zuckungen der Börsianer. Auch das Thema "Trauer-Management" greift er auf: Wecker hat auch getrauert, aber nicht nur um die am 11. September ums Leben Gekommenen, sondern auch um die 30 Millionen jährlich Verhungernden.

Doch Konstatin Wecker schaut auch ironisch auf sich selbst: In witzig-spitzen Reimen sprudelt sein "Entsetzen" über das Älterwerden nur so aus ihm heraus. Und findet Zuspruch bei jedermann und -frau. Der Sänger, der die meisten Passagen auch am Flügel mitspielt, sprüht dabei vor Energie, die sich auf die Zuhörer überträgt. Keiner bleibt ruhig sitzen, wenn Wecker in die Tasten haut: Da wackeln Köpfe hin und her, 1400 Hände klatschen den Rhythmus mit.

Der Groove ist das eine, das Sentimentale das andere. Genauso wie Wecker - ohne den Vorturner zu mimen - zum Mitmachen anfeuert, so wird es still, wenn er flüstert. Wenn er mit zerbrechlicher Stimme von Schwermut singt oder sanft ein Liebeslied haucht. Der Musiker führt sein Publikum während des Konzerts quer durch die Musikgeschichte, von der Klassik bis zum Weillschen Songstil, vom Jazz bis zum Rap. Und fasziniert dabei mit den unterschiedlichsten Atmosphären, die mal von balladesken, fast sinfonisch anmutenden Passagen, mal von bluesigen Grooves geformt werden.

Dieses Konzert begeistert. Immer wieder klatschen die Zuhörer mitten ins Lied, kurz und heftig, dann wieder zaghaft, um bloß keine gereimte Unverschämtheit zu verpassen. Und dann Weckers Stimme, die auch (be)sinnlich beim Singen oder beim Vortragen der eigenen Poesie erklingen kann. Er zelebriert gemeinsam mit den Zuschauern eine Reise durchs Ich, durch die Welt der Gedanken und Emotionen, auf dem Grat zwischen Sein und Schein. Und fordert uns auf, unsere Emotionen wahrzunehmen, das Denken zu wagen. Wecker nennt es Therapie.