Narziss und Goldmund - Alexander Sury im Schweizer "Bund"

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

07.12.2002

Er betritt die Bühne, geht mit grossen Schritten an die Rampe und winkt ins Publikum. Sein jungenhaftes Lachen hat trotz Abstürzen und temporären Karrieretiefs nichts von seinem Schalk verloren. Da steht er, mit dezent ergrautem Haar, in einem blauen Kombianzug eine kühne Kreuzung aus Mao-Uniform, Pyjama und Mechanikerkluft. Konstantin Weckers Credo als Kleidungsstück: Er will Kopf, Herz und Hände der Menschen ansprechen. Unter den Zuschauern mögen in diesem Augenblick nicht wenige an Auftritte des jungen Wecker zurückdenken, im Kursaal oder am legendären Mattenfest von Amnesty International.

Draussen steht der Winter vor der Tür, aber Weckers "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" vermag die naturgegebene Reihenfolge der Jahreszeiten ausser Kraft zu setzen. Er war mein Jugendidol, der ältere Bruder, der mich in die Geheimnisse des Lebens einweihte, eine Einheit von Denken und Handeln vorlebte, der Wegweiser der unwiderstehliche Rattenfänger. Anfang der Achtzigerjahre sass er nach einem Berner Konzert noch mit einigen Verehrern zusammen. Jemand erzählte ihm von einem Filmprojekt, das 100´000 Franken kosten würde. Aber er wusste nicht, wo er das Geld auftreiben sollte. Wecker antwortete mit todernster Miene. "Du musst eine Bank überfallen." Fast zwanzig Jahre später erinnert sich Wecker natürlich nicht mehr an diesen Ratschlag. Als ihm eröffnet wird, dass der Filmemacher "ihn" gemacht habe, zuckt Wecker erschrocken zusammen: "Er hat tatsächlich einen Banküberfall gemacht?" Pause. "Nein, er hat den Film später gemacht." Ohrenbetäubendes Gelächter.
Konstantin Weckers Lieder waren für uns das saftige Fleisch am Knochen von Adornos Diktum, wonach es kein richtiges Leben im falschen gibt; seine Hymnen und Balladen beschwören in der Tradition Villons, Rimbauds und der Expressionisten immer wieder eine anarchische, amoralische Lebensgier.
"Ich hab zum Sterben kein Talent / und hab fürs Leben kein Gefühl / mir fehlt ein gutes Argument / um das zu wollen, was ich will."

Blick zurück ohne Zorn

Der 55-Jährige ist immer noch eine beeindruckende Erscheinung, wenn auch nicht mehr der braun gebrannte Hüne der frühen Jahre, als er wie politisch unkorrekt für einen Vorzeigelinken seinen Körper mit Bodybuilding formte. Aber Wecker, der bayrische Naturbursche mit der Sensibilität eines verletzlichen Kindes, hat sich nie in ein Schema pressen lassen. Zusammen mit seinem Begleiter Jo Barnikel fesselt er sein Publikum von der ersten Sekunde an nichts ist zu spüren von einer bemühenden Nostalgieveranstaltung. Das ist Konstantin Wecker,Ausgabe 2002, an diesem Abend im Berner Theater National. Er ist auf Tournee mit seiner aktuellen CD "Vaterland" in seinem 30. Jahr als Liedermacher, Poet und Komponist.
Der Mann, der tags darauf in einem Berner Hotel auf mich zukommt, sagt mit vertrauter Stimme "Servus" und hält mir seine Pranke entgegen. Wecker trägt Manchesterhose, Turnschuhe und ein Holzfällerhemd ein sportlicher Mann in den besten Jahren. Die Zeiten, wo er jede Nacht "in den Armen einer anderen Frau lag", sind weit weg. Wie nähert man sich einer Ikone seiner Jugend? Das Konzert im National hat er in vollen Zügen genossen ("ein wunderbar waches Publikum"). Am Autogrammtisch hat es ihn gefreut, dass auch 16-Jährige den Weg in seine Konzerte finden. Obwohl ihm Teenager auf seiner Homepage http://www.wecker.de mitunter gestehen, es sei nicht leicht, als Fan von Wecker vor Gleichaltrigen zu bestehen.
Was fragt man eine Jugendliebe, die viele Hochs und noch mehr Tiefs hinter sich hat: Drogensucht, Verhaftung, Verurteilung, zweite Heirat, späte Vaterschaft? Wecker nahm sich einfach die Abenteuer, von denen wir nur zu träumen wagten. Das einstige musikalische Wunderkind aus München hat nichts ausgelassen: 18-jährig räumte er mit einem Freund den Tresor einer Pferderennbahn aus, wurde drei Wochen später gefasst und zu einer Jugendstrafe verurteilt, er liebte schnelle US-Sportwagen, er war Darsteller in Sexfilmen, Frauenliebling und verkehrte im Milieu. "Ich bin", sagt Wecker, "über einige verschwendete Jahre meines Lebens verärgert." Es sei jedoch ein notwendiger Ausbruch gewesen, "nicht nur für mich wichtig, auch für andere". Im Rückblick stellt er fest: "Es war mir so viel in die Wiege gelegt, das eine günstige Tendenz versprach. Dazu kamen eine kraftstrotzende Natur und ein Aussehen, das den Mädchen gefallen hat." Alles flog dem Jung-Siegfried zu; das sei für einen 20-Jährigen herrlich, aber schon mit 30 müsse man sich die Frage stellen: "Ist dein Talent, Wecker, schon aufgezehrt?"

Endlich wieder Klarheit im Kopf

Gibt es ein Verfallsdatum für den scheinbar auf ewige Jugend abonnierten Stürmer und Dränger?
"Ich weiss, ihr hättet mich sehr gerne / redlich, reif und situiert / lasst euren Käse reifen / ich bleib lieber unkastriert."
Wecker erzählt von seiner neu gewonnenen Klarheit im Kopf und der wieder erwachten Lust an intellektueller Betätigung. Das Buch "Kultur vor dem Kollaps" des Soziologen Morris Berman hat es ihm besonders angetan. Die Diagnose: totaler Verfall des Bildungs- und Erziehungssystems. Wir seien im Westen "Gefangene" einer alles wie eine Krake umschlingenden "MacKultur". Berman formuliere einen Ausweg aus den Fängen der kapitalistischen Verwertungslogik: die "monastische Option". Wecker kommt in Fahrt: "Die Frage ist doch: Wie kannst du aus dem ganzen Betrieb aussteigen?" Und Berman weise den Weg: sich den Talkshows, den Medien, dem ganzen Rummel verweigern und ein asketisches Leben führen wie die Mönche im Mittelalter, welche als Kopisten die Kultur der Antike für die Nachwelt bewahrten.
Dieser "leise Ausstieg" begeistert Wecker. Der Gesprächspartner wagt einzuwenden, ob Weckers barocke Persönlichkeit für eine mönchische Askese denn geschaffen sei. Wecker reagiert mit einer Selbsterkenntnis: "Ich habe lange ein gesellschaftskonformes Leben geführt, obwohl ich überzeugt war, genau das Gegenteil zu tun." Auf die aktuelle Tournee hat er sich gefreut wie selten. Die Beschäftigung mit der "verrückten Weltordnung" nach dem 11. September die auch in einem Zwiegespräch mit seinem Alter Ego "Willy" ihren Niederschlag fand hat auf die Stimmung gedrückt. "Das kann einen tatsächlich fertig machen, weil man von einer Lüge auf die andere stösst." Die Manipulationstechniken der Mainstream-Medien haben ihn vor allem erschreckt. Deshalb hat er auch die Idee, auf seiner Homepage ein Forum für Gegeninformation einzurichten. Wecker liest wie ein Berserker. "Wir leben zwar im Westen in grossindustriellen Oligarchien mit demokratischem Anstrich, aber wir können immer noch alle Informationen bekommen." Letzten Sommer hat er sich einen möglichen Irak-Krieg vor Augen mit der Geschichte der US-Interventionen nach dem Zweiten Weltkrieg befasst. Warum ist er so begierig auf intellektuelle Betätigung? "Das hat mit meiner neu gewonnenen Klarheit nach der Krise zu tun. Wenn du zwanzig Jahre lang Drogen nimmst, dann vernebelt sich etwas in deinem Kopf."

Die Verhaftung als Rettung

Ende 1995 machte Weckers Verhaftung wegen Kokainbesitzes Schlagzeilen. Der tiefe Fall eines Glückskindes wurde teils hämisch kommentiert. Er verbrachte einen Monat in Untersuchungshaft, machte einen Entzug und wurde zu einem Jahr und acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.
"Endlich bist du wieder unten / wieder mitten im Geschehen / hast dich plötzlich losgebunden / um als Mensch zu überstehen."
Die Verhaftung betrachtet Wecker rückblickend als seine Rettung: "Ich wäre sonst gestorben", meint er lakonisch. Im Gefängnis habe er sich am ersten Tag geschworen, einen endgültigen Entzug zu machen. Er vergisst aber nicht, augenzwinkernd zu erwähnen, der Umkehrschluss sei unzulässig Verhaften sei natürlich nicht immer ein Segen.
Wecker analysiert seine Situation im Rückblick ohne Larmoyanz. Kurz vor der Verhaftung sei er so weit gewesen, dass er seinen eigenen Drogentod in Kauf genommen hätte. Dieser Fatalismus hatte auch mit der bitteren Einsicht zu tun: "Aus eigener Kraft kommst du aus diesem Schlamassel nicht mehr heraus." Mitte der Neunzigerjahre sei es ihm, dem Gehetzten, nicht mehr um Kunst gegangen, sondern nur noch um die Beschaffung der Droge. Wecker hat sich gleichsam selbst analysiert und auf die Couch gelegt, er hielt einen mittlerweile in Buchform herausgekommenen Vortrag über seine Sucht an einem Kongress für Nervenärzte.

Kinder zur richtigen Zeit

Seine zweite Frau, mit der er zwei Kinder im Alter von 6 und 4 Jahren hat, sei ihm eine Stütze gewesen. Und die Kinder haben dem Leben des späten Vaters "eine ganz andere Perspektive" gegeben. Die Söhne Valentin und Tamino seien sicher zur richtigen Zeit gekommen, aber die Zäsur in seinem Leben, das ist ihm wichtig, habe bereits vorher stattgefunden, "als ich zum ersten Mal angefangen habe, Verantwortung zu übernehmen". Zuerst müsse ein gewachsenes Bewusstsein da sein, sagt Wecker, erst dann könnten Kinder "einen unglaublichen Segen" darstellen. "Wenn Kinder aber der einzige Grund dafür sind, dass ich sozialer bin und eine gerechtere Welt will, dann ist etwas faul."
Früher hat Wecker, kompromisslos seinem Freiheitsdrang folgend, mit Begriffen wie Disziplin und Demut nichts anfangen können. "Wenn du dir die Worte aber selbst eroberst, kann es spannend sein." Wecker, der gestutzte Paradiesvogel? Heute ist er clean, raucht nicht und trinkt kaum mehr Alkohol. Wecker winkt ab. Die Abstinenz würde er nie als Patentrezept empfehlen, bei ihm trage sie jetzt zur Steigerung seiner Lebensqualität bei.

Die Drogenzeit liegt hinter ihm, aber seine Sympathien gehören immer noch den Süchtigen: "Sie ahnen oft, dass die von der Gesellschaft angebotenen Werte für sie nichts sind." Und in den "Ketzerbriefen eines Süchtigen" notierte er: "Es ist oft eine Frage der Ökonomie, wer zu den Schweinen der Gesellschaft gehört." Man solle sich nichts vormachen, so Wecker, Regierungen und Geheimdienste bräuchten Drogen, um ihre "dreckigen Geschäfte" zu finanzieren. "Die USA können kein ehrliches Interesse daran haben, Drogen zu legalisieren." Als Anti-Amerikaner versteht er sich nicht, aber auf die Frage, was gegen Terrorismus unternommen werden kann, antwortet er mit einer Gegenfrage: "Was können wir gegen Bush unternehmen?"

Keine Spur von Altersmilde

Er sei früher versöhnlicher gewesen, ist Wecker überzeugt. "Mit 55 bin ich mir sicherer als vor 35 Jahren, dass ich mit diesem System nichts anfangen kann." Seinem Publikum will er Mut machen, auf ideologische Krücken zu verzichten. Er habe auch keine Probleme damit, wenn er heute bei Konzerten verunsichere. "Ich bin nicht mehr so scharf darauf, um jeden Preis geliebt zu werden." Als Grund für seinen "Altersradikalismus" nennt er nicht nur die produktive Auseinandersetzung mit einer jungen Ehefrau, sondern auch die Suche nach dem Glück. Wecker ist noch nie vor grossen Worten zurückgeschreckt. "Wenn man wie ich alles ausprobiert hat, realisiert man, dass Glück nicht da zu finden ist, wo es einem angeboten wird." Mit seiner Frau wird er im Februar nach Indien reisen; sie wollen dort ein Waisenhaus aufbauen. Noch ist das Projekt eher vage, aber die Lust, etwas zu bewegen, ist ihm anzusehen. Ja, der Wecker will noch eine ganze Menge Leben. Er verabschiedet sich herzlich und ruft ein "Bhüat di Gott" hinterher.
"Genug ist nicht genug / ich lass mich nicht betrügen / schon Schweigen ist Betrug/ genug kann nie genügen."
Am Vorabend hatte er dem Berner Publikum "fünf Wörter" auf den Heimweg mitgegeben: "Regierungen lügen" und "Wage zu wissen". Da war es wieder, dieses vertraute Gefühl. Gut, dass es dich immer noch gibt, Koni.