Im Netz gefunden: Rezension VATERLAND LIVE

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

14.11.2002

Quelle

Titel-Magazin

Autor / Interwiever

Thomas Rothschild

Vor fünfzehn Jahren fand in Friedrichshafen das jährliche Liederfest des SWR statt. Konstantin Wecker, schon damals längst der wichtigste Liedermacher seiner Generation, näherte sich mir nach dem Konzert von hinten und fluchte auf mich herab: "Rothschild, du kommst nicht mehr mit. Die Zeit ist über dich hinweggegangen." Schon zuvor hatte sich Konstantin Wecker des öfteren nicht gerade freundlich über die 68er-Generation geäußert.
Mittlerweile sind viele von diesen 68ern bei jenen gelandet, die sie damals bekämpften. Gelegentlich wundern sich Kommentatoren über deren Wandlungsfähigkeit. Die Wahrheit ist: sie sind sich stets treu geblieben. Sie sind heute noch die Opportunisten, die sie immer waren.
Treu ist sich auch Konstantin Wecker geblieben, freilich mit umgekehrtem Vorzeichen. Er rebellierte und rebelliert, wo es Mut erfordert, wo Rebellion nicht bloß dem allgemeinen Konsens entspricht. Nach persönlichen Krisen, die ihm als persönliche zu verarbeiten nicht vergönnt war, ist er heute bei einer Position angelangt, die viele der von ihm einst kritisierten 68er verraten haben. In den Chor derer, die sich nach dem mittlerweile legendären 11. September auf die Seite der Macht geschlagen haben, will Konstantin Wecker nicht einstimmen. Er erinnert vielmehr an den Kontext, in dem die Anschläge von New York und Washington zu verstehen sind. Und er besteht darauf, daß deren Opfern keine Gerechtigkeit widerfährt, indem man neue Opfer produziert. Konstantin Weckers uneingeschränkte Solidarität gehört den Opfern in Afghanistan nicht minder als jenen in New York. Für ihn hat das Wort "Solidarität" noch oder wieder die Bedeutung, die es für Linke hatte, als sie noch Jusos oder Häuserbesetzer und nicht Bundeskanzler oder Außenminister waren. Davon handeln seine neuen Lieder. Sie sind im besten Sinne unzeitgemäß. Die Zeit ist über mich und über Konstantin Wecker hinweggegangen. Aber wir kommen schon noch mit: