Gehaltvolle Lieder eines Polterers

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

15.11.2002

Quelle

Zuger Presse

Autor / Interwiever

Sabine Hensel

Wecker mit "Vaterland/Impressionen" im Theater Casino
Mit zornigen und zärtlichen Stücken hat Konstantin Wecker Kulturgeschichte geschrieben. Seine Lieder sind nach wie vor aktuell.

"Wage es, zu denken." Mit den Worten des Philosophen Kant verabschiedet sich Konstantin Wecker nach zweieinhalbstündigem, intensivem Konzert. Zum Denken regt er mit seiner Musik tatsächlich an. Er sitzt am Flügel, haut kraftvoll in die Tasten, poltert, wettert, schimpft und flucht engagiert über globale Widerwärtigkeiten. Umweltzerstörung, Hunger, Kriege, menschliche Gier, Rassismus: Missstände, die Wecker anprangert und - verpackt in sarkastische Texte - hinausschreit, bis jeder sich betroffen fühlt. Oder, wie er im bekannten "Sage nein!" fordert: "Tobe, zürne, bring dich ein". Der Liedermacher bezieht klar Stellung: gegen sinnlose Waffenproduktion ("Waffenhändlertango") und sinnentleertes Privatfernsehen (in der neuen Version von "Der dumme Bub").

Der charismatische, jugendlich wirkende und gut gelaunte Sänger zieht die Zuhörerinnen und Zuhörer unweigerlich in seinen Bann, macht sie zu Verbündeten im Ansingen gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Mehrmals im Verlauf des Programms "Vaterland/Impressionen" betont und vertont der 55-jährige Münchner energisch seine antiamerikanische Haltung. Er scheut sich nicht, in seinen Augen unfähige Politiker wie George W. Bush, Tony Blair, Wladimir Putin oder Edmund Stoiber beim Namen zu nennen und sie, musikalisch untermalt, in den Dreck zu ziehen. "Die Ballade von Antonio Amadeu Kiowa" singt er mit neuem Arrangement, den Geschehnissen des 11. Septembers angepasst. Wecker schreibt Lieder mit Langzeitwirkung, er erklärt nach einem Song: "Meine Lieder sind meistens klüger als ich."



Sanftes und Selbstironisches
Unterstützt wird der Bayer von seinem langjährigen Begleitmusiker und Freund Jo Barnikel. Dieser ergänzt Weckers Gesang und Klavierparts optimal; er spielt nicht nur Keyboard, sondern auch Trompete und bedient den Synthesizer. Mühelos variieren die zwei Männer zwischen verschiedenen Stilen: klassische Pianobegleitung, Blues oder Jazz, oft angereichert mit Improvisationen. Barnikel und Wecker harmonieren, sind ein perfekt eingespieltes Team, das sichtlich Spass hat auf der Bühne. Das zahlreich erschienene, bunt gemischte Publikum lässt sich von den beiden Musikern zu Begeisterungsstürmen hinreissen.

Neben den kritischen, manchmal - trotz der Behauptung, er sei kein Moralist - etwas moralistisch anmutenden Texten schlägt Wecker auch sanfte Töne an. Mal in Bayerisch, meist aber in klarem Hochdeutsch geht es um Liebe, Schmerz ("Wehdamm-Blues"), Schwermut ("Alles das und mehr") und Melancholie ("Ein kleines Herbstlied"). Selbstironie ist dem Ergrauten, der die Lesebrille nach Bedarf auf- und absetzt, ebenfalls nicht fremd: Er besingt das Älterwerden, ohne bitter zu klingen.

Die Vielseitigkeit von Weckers Schaffen zeigt sich in seinen Gedichten und Textpassagen, die er vorliest: poetische, in schöne Sprachbilder verpackte Gedanken und Emotionen. Bewegend ist die Liebeserklärung an seinen Vater - sie schliesst den Kreis zu Weckers erstem Lied an diesem Abend: "Vaterland".