Zwiesprache mit dem Liedermacher

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

15.11.2002

Quelle

Neue Zuger Zeitung

Autor / Interwiever

Hugo Straub

Zug: Konstantin Wecker im Theater Casino


Zwiesprache mit dem Liedermacher

Konstantin Wecker ist bald der letzte Liedermacher, auf jeden Fall der bekannteste und vielleicht der erste für die heutige Zeit.

"Der Wahnsinn geht um!", warnte der stämmige Münchner am Konzert schon bald das Publikum. Mit Jeans, knittrigem Hemd und Turnschuhen trat Konstantin Wecker am Mittwochabend auf die Bühne des Theaters Casino. Das saloppe Outfit, das als künstlerisches Markenzeichen dazugehört, stellt Konstantin Wecker als bürgerlichen Freak zwischen 68er-Revolte und Bürgerrechtsbewegung dar. Begleitet wurde sein Gesang und Klavierspiel von seinem langjährigen Partner, dem Pianisten und Trompeter Josef Barnikel, der mit Keyboard, Synthesizer, Laptop und Effektturm einen vielschichtigen klanglichen Hintergrund für die musikalischen Eskapaden Weckers beisteuerte. "Aber etwas Gutes hat es, dass Verrückte wie wir endlich richtig liegen", und "Zum Psychiater brauche ich nicht zu gehen, ich habe das Publikum", meinte der Liedermacher daraufhin ironisch.

Wecker fächerte in Kürze die Bandbreite seiner Themen auf, und insgeheim auch die Zwiespältigkeit, in die er sich mit ihnen begeben hat. Denn einerseits wettert er - nun schon fast drei Jahrzehnte - mit Sarkasmus gegen Politik und falsche Ideologien, andererseits bewirkt diese künstlerische Wut keine Veränderung und lässt den Liedermacher viele leise Töne mit fast depressiver Melancholie anschlagen. Diese Töne hatten wohl ein leichtes Übergewicht am Konzert, nicht zuletzt, weil Wecker das Altern ausgiebig thematisierte.



Politik und Hit

Das erste Stück "Vaterland" von der gleichnamigen neuen CD strotzte zunächst jedoch vor Mutwillen und Widerstand, wie man es aus Weckers früheren Jahren kennt. Die momentane politische Grosswetterlage gibt den Gesängen den nötigen Auftrieb, um etwa nicht gegen das heimatliche Land, sondern gegen den Begriff Vaterland zu rekurrieren: "Mir reicht mein Vater zur Genüge, ein ganzes Land als Vater war schon immer eine Lüge". Wecker, Pazifist und Globalisierungsgegner, polemisierte an diesem Abend oft, etwa mit den politischen Liedern wie "Der Waffenhändlertango gegen Patrioten-Idioten" oder mit "Amerika gegen die Weltbefreier". Das US-Amerika war denn auch ein zentrales Thema des Programms: Die Mythen sind für Wecker in unfassbar weite Ferne gerückt, ebenso wie das Land selber. Denn seit seinem Drogenprozess und der Verurteilung vor zwei Jahren wird ihm auch die Einreise dorthin verwehrt.

Der Applaus des Publikums fiel gerade nach diesen Nummern besonders stark aus, wobei nicht zu unterscheiden war, ob die Begeisterung im Konzertsaal der Darbietung oder dem Inhalt galt. Ein richtiger Konzerthit war "Wehdam". Das bayrische Wort bedeutet den Blues haben und das Stück bot den Blues, zuerst nachdenklich, dann exaltiert mit stampfender Improvisation und einer Extraportion Zugabe. Dem eher reservierten Publikum entlockte sie ungeahnte Mitmachlaune. Auch "Questa nuova realtà", das Lied mit der Weintrinkpointe, das Wecker einst zusammen mit Pippo Pollina aufnahm, lud zum überdurchschnittlichen Mitklatschen ein.



Zwiespalt überall

Der Zwiespalt des Konstantin Wecker kommt auch darin zum Ausdruck, dass er sich mitunter Ansprechpartner erfindet, die wie Doppelgänger oder Alter Ego funktionieren. Dazu gehört das Lied "Willy IV". Willy ist die Liedfigur von Weckers bekanntestem Song. So fragte Wecker den Willy: "Denken wir nicht nach, weil wir uns ändern müssten?" In die gleiche Kategorie gehört auch das Lied "Der dumme Bub III", ein Protagonist, der nach Wecker durchaus autobiografisch verstanden werden kann, was er dann mit dem Ausspruch "Meine Lieder sind meistens klüger als ich" kommentierte. Das zweieinhalb stündige Konzert bot einen Konstantin Wecker, wie ihn sein Publikum liebt. Denn es war sein Publikum aus seiner Generation, welches anwesend war und das Theater Casino allerdings nur zu zwei Dritteln füllen konnte. Vielleicht gibt ihm die zukünftige Globalisierung genug Marktchancen, dass ihn bald auch die junge Generation entdeckt.