Der Sänger balzt mit dem Bösendorfer und versinkt im Lied

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

21.11.2002

Quelle

Stuttgarter Zeitung

Dosierte Kraft: das Konzert von Konstantin Wecker mit dem Pianisten Joe Bamikel im Ludwigsburger Forum

Gute Worte sind ihm solche mit einem "R" in der Mitte. Sind es immer gewesen. "Wohlvertraute Worte" also, mit denen er im Lied "Vaterland" den Unterschied zwischen Liebe und Nationalismus beschwört, sind ihm allein schon des energischen Konsonanten wegen gute Worte, gut kombiniert. Wenn er das "R" rollt, strotzt Konstantin Wecker vor Kraft. Seine Worte klingen dann, als flatterten Leintücher an Wäscheleinen in einem Wind, der von den Bergen herunterweht.

Konstantin Wecker, 55, war immer der Kraftmeier unter den Dichtern und der Dichter unter den Muskelprotzen. Hämmerte mit einer Vehemenz in den Flügel, als gelte es bis zum Abend noch tonnenweise Heu zu wenden, ließ seine Stimme dazu explodieren, wie ein fleißiger Bauer explodieren kann, wenn der Knecht zu viele Rauchpausen einlegt, verzauberte umso mehr, wenn er dann lyrisch war und sanft. Schwitzte viel.

Jetzt hat er erkannt: "I werd oid." Und im gleichnamigen Lied reimt er: "Zieh meinen Bauch ein und kämme mein Haar dorthin, wo es früher mal war." Er strotzt immer noch, ja, wenn er das "R" rollt, und wenn er in politischen Brandreden zwischendurch Luft schnappt und den übrig gebliebenen Rest aus sich herausströmen lässt, wie es Möbelpacker tun, wenn sie den Schrank anheben, der ihnen fünf Stockwerke hoch zur Folter wird.

Oft aber hält er sich nun zurück. Er lässt diesmal keine Band grooven im Ludwigsburger Forum, er duelliert sich auch nicht mit dem Flügel, ganz allein. Er hat Joe Bamikel mitgebracht, einen Pianisten, der virtuoser ist als er selbst und der außerdem gut Trompete spielt. Die Rollenverteilung an diesem intimen Abend: Wecker balzt mit dem Bösendorfer, Bamikel füllt mit dem Keyboard oder prescht mit dem Elektroklavier voran oder spielt ganz alleine, während Wecker am Bühnenrand mit einem Mikrofon in der Hand ganz sanft in seinen Liedern versinkt. "Genug ist nicht genug", hat er vor 25 Jahren gesungen, nein, eher gejuchzt. Nun räsoniert er im "Novemberlied" vom aktuellen Studioalbum "Vaterland": "Es gibt auch Gründe, nicht zu leben. Sie müssen ja nicht triftig sein." Und Gedichte liest der ergraute Wecker mittlerweile stolz durch die Lesebrille.

Damit keine Missverständnisse entstehen: "Ich will noch eine ganze Menge leben", tut Wecker auch kund, und die Kraft ist ihm nicht entwichen, er fängt bloß an, sie zu dosieren. Er muss nicht mehr immerfort schwitzen. Er ist ja Musiker: Leuchtet lächelnd, wenn er Klänge hin- und herwirft mit dem anderen Pianisten, wenn sie sich aufs Treibendste umgarnen irgendwo zwischen den Tasten und den Händen, die sie lüstern streicheln und betatschen. Er ist ja Dichter: freut sich, wenn die Zeilen ineinander gleiten, mit allem Pathos auch, das ein junger Mann dem Ineinandergleiten zweier Liebender beimisst. "Zwischenräume" ist so ein Lied, vor vierzig Jahren geschrieben, behauptet Wecker, immer noch sehr schön.

Vor allem ist Wecker, der sich jetzt - da er kein Kokain mehr anrührt - nicht mehr so sehr um sich selber kümmern muss, ein großer Widersteher. Da bündelt er alle Kraft, wissend, dass das perlende "Willy"-Vorspiel vom Wecker ähnlich begeisterte Reaktionen im Publikum auslöst wie das raue "Satisfaction"-Riff von ein paar Herren, die sich auch bemühen, würdig zu altern. Den "Willy" hat er reanimiert, um ihm vom Terror zu berichten, von den Taliban und von Amerika. Schonungslos ist da der Wecker, der sich echauffiert und dabei entflammt. Er ist gegen den Krieg, denn "Kriege sind ein Bombengeschäft und sonst gar nichts". Und Geschäfte, die auf Zynismus basieren und auf dem Leid anderer, machen ihn betroffen, und das allein schon ist eine beachtliche Leistung mit 55 Jahren.

Waffenhändler tanzen Tango bei ihm, Börsianer tanzen einfach so. Wecker reimt, dass Letztere aus Fenstern springen, wenn der Dow Jones fällt, "dann gehörn sie den Gespenstern der Betrognen dieser Welt". Und die liegen ihm am Herzen, so dicht, dass seine Stimme vibriert, als rüttelten die Betrogenen in seinem Innersten.

Fast drei Stunden lang gibt sich Konstantin Wecker so wahrhaftig wie schon lange nicht mehr. Er gibt ein sehr gutes Konzert. Er muss nichts mehr schauspielern. Er singt, er drehe sich nach den Mädchen "nur so aus alter Gewohnheit um". Er schwelgt noch im Lied "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist", aber er übt mit der Lesebrille doch schon die Existenz als deutscher Mahner intellektueller Prägung ein. Wenn der weiß, wie man Heu wendet, muss das kein Fehler sein.