Die Untiefen politischer Korrektheit ausloten

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

21.11.2002

Quelle

Bietigheimer Zeitung

Autor / Interwiever

Jörg Palitzsch

KONZERT / Konstantin Wecker gastierte vor rund 1000 Fans im Ludwigsburger Forum

Die Untiefen politischer Korrektheit ausloten

"Ich brauche keinen Psychiater, ich habe ja sie" - Protest gegen Kriegstreiberei mit dem zehnminütigen und aktualisierten Klassiker "Willi"


Gut - Konstantin Wecker ist mittlerweile 55 Jahre alt, gut - er braucht ab und zu eine Brille und die Haare werden auch grauer. Trotzdem - das Liederschreiben hat er nicht verlernt, rund 1000 Fans feierten ihn am Donnerstagabend euphorisch im Ludwigsburger Forum, mehrere Zugaben waren fällig.


JÖRG PALITZSCH Die Bühne spartanisch hergerichtet: Links Weckers Klavier, rechts die Keyboards seines Partners Joe Bamikel. Abgerundet wird das Ganze durch eine spärliche, aber wirkungsvolle Beleuchtung in der Mitte, das reicht auch vollkommen aus. Wecker füllt den Saal mit Worten, zaubert in den nächsten drei Stunden Träume von fernen Stränden und dem nicht mehr all zu weit entfernten Frühling, da verbietet sich jede zusätzliche Show von ganz alleine. Zunächst herrscht gespannte Ruhe, plötzlich jubelt die Fangemeinde laut auf, als der Münchner die Bühne des Forums pünktlich um 20.00 Uhr betritt und zum Auftakt "Vaterland" intoniert. Eine kühle, dumpfe Annäherung an einen Begriff, den Wecker wohl nie gemocht hatte. So verzeiht man diesem "Vaterland" all seine Kriege und Toten, aber hilft dieses Land auch in der Not? Wecker hat freilich immer noch das Zeug zum Sänger von Kampfliedern - und die politischen Grenzen sind schnell abgesteckt. "Der Wahnsinn schleicht durch die Nacht und nennt sich Recht und Macht", singt er, und die offenbar arg geknechteten Fans jubeln. Dabei weiß der Sänger genau, welche Beziehung er an diesem Abend eingeht: "Ich brauche keinen Psychiater, ich hab ja sie", und die Fans jubeln wieder. Wecker betreibt auch eine Nabelschau, in der sich vor allem die Alt-68er wiederfinden, die heute auf gut dotierten Posten tätig sind. Für all diese jammert der 55-jährige über seine eigenen Altersbeschwerden. Die Nacht schläft er auch heute immer noch nicht durch, weniger wegen des Herumtreibens, sondern weil ihn öfters die Blase drückt. Selbst seine Gedichtbände sind nicht in größerer Seniorenschrift gedruckt, meint der Sänger ironisch und setzt wieder einmal die Brille auf. Sein Fazit: "Ich werde alt, mir geht"s nicht gut." Dann tritt ein Wecker zutage, wie man ihn kennt: Kompromisslos, zum Teil politisch ätzend, böse und sehnsuchtsvoll. Das Lied seines Freundes Hannes Wader "Schon so lang" gehörte ohne Zweifel zum Schönsten, was dieser Abend zu bieten hatte. Vor der Pause verabschiedete sich Wecker mit "Willi", eine fast zehnminütige aktualisierte Abrechnung mit deutscher Heuchelei, politischer Doppelmoral und kirchlicher Verlogenheit. Wecker präsentierte sich dabei nicht als Moralist, sondern als Mahner, der die Untiefen politischer Korrektheit auslotet.
Nach der Pause folgte eine Mischung aus Gedicht-Lesung und Musik, gekonnt untermalt von Joe Bamikel, der nicht nur durch sein gutes Zuspiel, sondern auch durch eigene Akzente, etwa an der Trompete, überzeugte. Wecker räumte bei diesen Improvisationen seinen Gedichten viel Platz ein, bot alte, neue, aber immer aktuelle Texte. Wie von stürmischen Novemberwinden erfasst, ließ er sich poetisch bis zum Ende des Konzertes tragen, "jetzt Segel setzen, windwärts ziehen, zuhause wartet das Verderben." Als er am Bühnenrand steht, nahe seinem begeisterten Publikum, und noch eine "ganze Menge Leben" einfordert, gewährt er einen Einblick in sich selbst: zwar wirkt er vom Leben verletzt, trägt aber immer noch genug Wut in sich. Ausflug in die Klassik Danach versinkt er in Trauer, singt über Depressionen und den Schweremut, um dann politisch eindeutig Stellung zu beziehen. Wecker singt über die Zigeuner am Stadtrand, über die Rechten, die sich zusammentun, um sie totzuschlagen. Der Künstler setzte dem ein deutliches "Sag nein" entgegen, die Fangemeinde ist kaum noch zu halten. Da ist es, dieses Weckerleuchten über der Stadt. Einer, der sagt was er denkt, und die Konsequenzen nicht scheut. Ganz am Ende, nach unzähligen Zugaben, Blumen aus dem Publikum, einem musikalischen Ausflug in die Klassik und unter hellem Licht, geht er noch einmal an den Bühnenrand. Konstantin Wecker zitiert einen Satz des deutschen Philosophen Immanuel Kant, der in seiner Einfachheit wie eine Kampfansage an sich selbst, aber auch an jeden Einzelnen wirkt: "Wage zu denken".