Entspannte Altersweisheit

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

22.11.2002

Quelle

Wiesbadener Kurier

Autor / Interwiever

Peter Müller

Tattersall: Konstantin Wecker mit "Vaterland"-Improvisationen


Vom 22.11.2002
Von Kurier-Mitarbeiter
Peter Müller

Mit gedämpfteren Tönen, so hat er jedenfalls erklärt, wolle er nach seiner phänomenal erfolgreichen Tour vom Frühjahr noch einmal in Sachen "Vaterland" auf die Bühne steigen, die selben Lieder und Texte in anderem musikalischen Gewand präsentieren. Dazu hat er dann auch seine Band zu Hause gelassen, mit Jo Barnickel (Keyboard/Horn) nur den treuesten Weckerianer an seine Seite gestellt und die neuerliche Tournee durch bewusst kleinere Hallen mit dem viel versprechenden Titel "Improvisationen" überschrieben. Das klingt nach viel Poesie und, fast unvorstellbar, nach einem leisen, aus entspannter Altersweisheit soufflierenden Konstantin Wecker. Was die Phonstärke anbelangt, trifft das auch an diesem Abend im erstaunlich luftig besetzten Tattersall zu. Aber streitbar und sarkastisch, politisch unkorrekt und leidenschaftlich ist er immer noch, der 55-Jährige. Womöglich ist er nach überstandenen Kokain-Exzessen, dem folgenden Gerichtsmarathon und einem zähen Ringen ums Comeback sogar dort angekommen, wo er sich am wohlsten fühlt.

Er sinniert darüber, dass es "auch Gründe gibt, nicht zu leben. Sie müssen nicht mal trifftig sein" und signalisiert mit jedem Blick: Ich weiß, wovon ich rede. Das Adorno-Zitat "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" hat auch er am eigenen Leibe erfahren. Neue Besinnlichkeit ja, auch Selbstironie. Zurücklehnen? Nein! Noch immer stammt der Blues aus Bayern und Wecker lässt die Tasten tanzen, er rollt das "r" noch bewusster als früher, wirkt authentischer und strotzt vor Energie. Ganz offensichtlich hat er die lange gesuchte Balance gefunden. Wenn er die Lese-Brille zückt und mit breitem Lächeln "I werd oid" anstimmt, dann ist das alles andere als das Einläuten seines Alterswerkes, auch wenn er hinterherreimt "zieh meinen Bauch ein und kämme mein Haar dorthin, wo es früher einmal war".

Klar, das Fluchen und Fauchen ist nicht mehr ganz so laut, der Groove nicht mehr ganz so emphatisch, seine Brandreden gegen Rechte und Rassisten, gegen Blasiertheit und Ignoranz oder Amerikas vom Kommerz gelenktes Kriegstreiben aber sind so scharf formuliert wie es dem zornigen Intellektuellen nunmal gebührt. Kritisch, ehrlich und frei von Zynismus sucht Wecker seine Wahrheit in einer elenden Zeit, in der Börsennachrichten die Hungertoten aus den Schlagzeilen verdrängen.

Sein Ton mag moderater geworden sein, aber den "Willi" und mit ihm die alte Kampfeslust gegen Bushs Imperialismus, Betroffenheitsdealer, Terror und all das Unrecht dieser Welt hat er längst nicht begraben. Nur, heute sind seine Texte nicht mehr klüger als er selbst. Das spürt man auch bei seinem Konzert, das sich im zweiten Teil eine ausgiebige lyrische Phase gönnt, in der Weckers Gedichte und Texte wie warmer Regen herniederrieseln. Und dann flammt nicht selten auch Dichterpathos auf, so, wie er sich in nicht wenigen seiner Echauffagen in populismusnahe Rage redet, aber, nach einem so intimen wie beeindruckenden, fast dreistündigen Konzert sind diese wenigen schwachen Momente längst vergessen.