Wieder Wecker

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

22.11.2002

Quelle

Wiesbadener Tagblatt

Autor / Interwiever

Manfred Schelbert

Der Barde knüpft an seine Vergangenheit an

Vom 22.11.2002

Von unserem
Mitarbeiter
Manfred Schelbert

Da sitzt er nun auf seinem Schemel. Stimmt, die Haare sind etwas grauer geworden. Dafür sind sie stoppelkurz. Auch der Bauchansatz ist unverkennbar. Er ist eben älter geworden, der Konstantin Wecker. Doch bedauern tut er dies offensichtlich nicht. Im Gegenteil. "I werd oid", kokettiert er. Und setzt quasi als Bestätigung seine Brille auf. Doch alt hin, alt her, auf der Bühne ist Wecker immer noch der, der er schon vor 20, 25 Jahren war.

Das wird beim Konzert im sehr gut gefüllten Wiesbadener Tattersall wieder einmal deutlich. Zwar ist seine Stimme etwas rauer geworden, doch das macht sie vielleicht sogar noch interessanter. Und wie er dann mit verklärtem Blick seine Botschaften in die Runde sendet, das ist immer noch unverwechselbar Wecker. Als wollte dieses urbayrische Mannsbild das Mikrofon auffressen. Er gurrt, knurrt, jault, heult und lässt sich von seinem kongenialen Partner auf der anderen Seite der Bühne, Jo Barnickel, zu immer neuen Eskapaden treiben.

Dieses Wechselspiel von Musik und Lyrik, von wunderbaren Liedern und Verbalakrobatik, das hält die Fans in Atem. Und Lieder hat Wecker reichlich. Er blättert in seiner eigenen Geschichte wie junge Mädchen in ihrem Poesie-Album. Aggressiv haut er in die Tasten, stimmt den Song vom "Vaterland" an, fragt, was das denn sei?

Nach einer Viertelstunde präsentiert er dann den Blues. Der käme in seiner Urform aus Bayern. Woher auch sonst? "Und so viele Jahre Stoiber kann man ja auch nur mit einem Blues überleben." Wecker ist an diesem Abend politisch und kritisch wie in seinen besten Tagen. Er wettert und poltert, verdammt all die ferngesteuerten Toni Blairs, diesen Sharon, der "alles weiterführt, was Bush vorlebt", und diesen Putin, der "keinen Deut besser ist, als die anderen". Und natürlich dieser "Schorsch Dabbelju", der Amerika regiert.

Wecker nimmt an diesem Abend kein Blatt vor den Mund, ist rabauzig bis zur Selbstzerfleischung. Allein die Vorstellung, dass sein Sohn Valentin Balthasar mit 25 Jahren bei RTL2 als Redakteur anfangen würde, treibt Konstantin, den Ur-68er, halbwegs in den Wahnsinn. "Der dumme Bub hat ein Problem, der dumme Bub ist schizophren." Valentin und die Quoten verkaufen? "Da hätte man lieber den Kirch im Dorf lassen sollen."

Lange war Wecker weg, jetzt ist er also wieder da, setzt sein treues Publikum wieder seinen harmonischen Eskapaden aus, mokiert sich darüber, dass heutzutage mit dem Begriff "Philosophie" Schindluder getrieben wird. "Philosophie heißt Liebe zur Weisheit - und sonst nichts." Wohl nicht nur deshalb zitiert er am Ende nach der x-ten Zugabe mit Immanuel Kant einen Philosophen: "Wage es zu denken."