Wieder dahoam und mit voller Kraft voraus

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

24.10.2002

Quelle

Starnberger SZ

Autor / Interwiever

Thomas Anlauf

Ein Jahr nach der "Vaterland"-Generalprobe in Andechs

Wieder dahoam und mit voller Kraft voraus

Konstantin Wecker und Jo Barnikel begeistern 800 Zuschauer in der Gautinger Turnhalle

Gauting - Scheinwerferlicht schlägt ihm ins Gesicht. Wecker blinzelt. Faltet die Hände, verbeugt sich zu einer scheuen Geste ins grelle Hell, bis er zu seinem Schemel am schwarzen Flügel findet. Endlich sitzt er, spielt, schlägt die Tasten. Dunkle Klänge zum "Vaterland", bis er zögernd, dann kraftvoll seine Stimme erhebt: "Ein ganzes Land als Vater war schon immer eine Lüge."

Wieder dahoam. Lange war er weg, der Wecker. Eine Reise quer durchs ungeliebte Vaterland - von Kiel bis Chemnitz, von Berlin bis Bonn ging die Tournee. Hat gesungen und gedichtet in Konzertsälen und großen Hallen. Jetzt ist er wieder angekommen, im bayerischen Oberland, dort, wo er vor einem Jahr das "Vaterland" erstmals beschworen hatte. Eine Gautinger Turnhalle diesmal. Egal, denn wäre Wecker selbst in einem öffentlichen Pissoir aufgetreten, die 800 angereisten Freunde des legendären Liedermachers wären genauso begeistert gewesen. Denn Wecker braucht nicht viel: einen Flügel, einen Freund, der ihn begleitet, ein Lied.

Das Überlebenswerk

Lieder hat Wecker reichlich. Er blättert in seiner eigenen Geschichte wie in einem Poesie-Album. Gesteht, dass er "manche Lieder erst jetzt, nach vielen Jahren", begreift. Dann steht er auf von seinem Schemel. Graues, kurz geschorenes Haar. Rot-verwaschenes Hemd über der Jeans und markenlose Turnschuhe. "I werd oid", singt er dann auch gleich. Ist seine Stimme nicht tiefer, ein wenig rauer geworden? Er spielt mit seiner Brille, die er sich nach Bedarf auf die Nase setzt, spielt mit seinem Alter. Tatsächlich, er ist reifer geworden, nachdenklicher. "Mit 50 habe ich mein Lebenswerk abgeschlossen, jetzt beginnt das Überlebenswerk", sagt der 55- Jährige. Grinst. Wecker weiß, dass das kokett ist. Denn eine unbändige Kraft ruht in ihm, wenn der Sommer nicht mehr weit ist, ein Aufschrei ist in ihm, weil so möcht´ ich nicht begraben sein.

Einen Freund hat er auch dabei: Jo Barnikel an den Keyboards. Wie ehemals die Journalisten Kienzle und Hauser im ZDF werfen sich die Musiker Themen zu, um sie zu variieren. "Er ist nicht nur ein ausgezeichneter Pianist, er folgt meinen Improvisationswünschen mit einer Geschwindigkeit, die fast schon ans Geniale grenzt." Sagt Wecker zu einem, der mit Technik und Ganzkörpereinsatz - manchmal spielt er einhändig am Keyboard und nebenbei Trompete - ein ganzes Orchester ersetzt.

Barnikel hebt Wecker aufs Podest, er trägt ihn durch den dreistündigen Abend. Wecker spürt, wie die Zuhörer seine unerhörten Wahrheiten hören wollen, wippt vergnügt auf seinem Schemel, wenn er Bush verbal vernichtet. Kommt herunter, reiht euch ein: Mit Wecker wollen alle Revoluzzer sein. "Macht der 11. September alle Verbrechen der Bush-Familie ungeschehen?" fragt er, und das Publikum johlt. Wecker leuchtet. Kaum 20 Minuten braucht er, dann tobt die Turnhalle. Ein Boogie - der Blues wurde ja doch in Bayern erfunden - und fast 800 Zuschauer trampeln mit den Füßen für eine Zugabe. Zweieinhalb Stunden später trampeln sie wieder. Dann steht ein schweißgebadeter Wecker im Scheinwerferlicht. Verneigt sich leicht, dreht sich weg und reckt für sich die Faust in die Luft. Wecker, wir brauch´n oan wia du oana bist. THOMAS ANLAUF