Bayerischer Blues

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

26.10.2002

Quelle

Maerkischen Allgemeinen

Autor / Interwiever

Constanze Klementz

Bayerischer Blues

CONSTANZE KLEMENTZ

Die blauen Turnschuhe sind nicht von Nike, zum Reich des Imperialismus singt sich Konstantin Wecker auf Distanz: Der Welt wäre viel "erspart geblieben, hätt´ man in Texas abgetrieben", schallt es von der Bühne. Andererseits heißt es im gleichen Song: "Doch Deine Schuh von Neiki, di leik i!" In der Zugabe "Amerika" reitet der Liedermacher Attacke gegen George W., die letzte von vielen an diesem drei Stunden langen Donnerstagabend.

Doch das Publikum im Potsdamer Nikolaisaal lässt immer noch nicht locker. "Eigentlich würde ich am liebsten immer nur Liebeslieder schreiben. Aber wenn einen die Welt so aufregt ...!" Wecker, zum vierten Mal zurück auf die Bühne geholt, zuckt entschuldigend die Achseln. Dann lässt der Weltverbesserer in ihm aber doch dem Romantiker den Vortritt für den allerletzten Rausschmeißer: ein Liebeslied.

Konstantin Wecker, der hier im Duo mit dem wunderbar flexibel begleitenden Jo Barnikel an Keyboard und Trompete auftritt, ist ein Mann der alten linken Schule. Einer, der sich vor dem Flügel so tief in sich selbst versenkt, dass man ihm beinahe glaubt, es sei nur ein Akt der Willenskraft, sich von der "Freiheit des Marktes" wieder zur "Freiheit des Geistes" zurück zu singen . Der heisere Nachdruck der Stimme, getrieben von ehrlicher Entrüstung über alle Übel der Welt erntet immer wieder Applaus.

Sind die so schlichten wie wahren Botschaften pointiert, schlau und mit Distanz verpackt wie in "Wahnsinn" oder dem "Waffenhändler Tango", entpuppt sich Wecker als direkter Nachfahre von Altmeister Georg Kreisler. Als realpolitische Appelle wie im Sprechgesang "Willy IV" laufen sie Gefahr, mit den Kategorien "gut" und "böse" ähnlich taktisch zu verfahren wie die Politik, die sie verwünschen .

Doch was wäre eine bessere Welt ohne des Sängers Ausgleichssport für soviel Menschheitsfürsorge: ein bisschen melancholische Selbstbetrachtung. Der "Wehdam" wird uns in dieser Rubrik als "Urform des bayerischen Blues" vorgestellt. Surreale Liedpoesie trifft auf rauchige Improvisationen . Und der Mensch, der da auf einer Parkbank im eingebildeten Unglückssaft schmort und sich mehr für sich als für den leidenden Globus interessiert, erscheint letztlich menschlicher als der Ritter in der Moralrüstung. Am Ende bekommt der Sänger so viele Blumen "wie schon lange nicht mehr - aber ich mag das ja." Ganz ein Mann der alten Schule eben.