Wecker zwingt sein Publikum zum Nachdenken

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

30.10.2002

Quelle

Main-Rheiner

Autor / Interwiever

Nicole Jost

Wecker zwingt sein Publikum zum Mitdenken

Von Nicole Jost

Neu-Isenburg. Das Publikum hat ihn frenetisch gefeiert, sie wollten ihn gar nicht mehr gehen lassen. Das Licht im Saal ging schon an, und wieder und wieder setzte sich Konstantin Wecker an sein Piano, um noch ein Lied und noch ein Lied für sein begeistertes Publikum zu spielen. Der Auftritt des Münchner Liedermachers in der Hugenottenhalle war sehr beeindruckend. Die Vaterlandstour, mit der er gerade quer durch Deutschland reist, birgt viele Höhepunkte in sich. Und auch nach 25 Jahren Bühnenpräsenz ist Wecker nicht müde und weist auf den Wahnsinn in der Welt hin: "Im Namen des Wahnsinns, sie sind verhaftet, sie haben zu weit gedacht."

Mit Zynismus begegnet er ernsten Themen, aber der Künstler kann auch über sich selbst lachen: "I wer oid" singt er in der sehr gut besuchten Hugenottenhalle. Alt sieht er aber ganz und gar nicht aus: Sicher, die Haare sind grauer, der Bauch vielleicht auch ein bisschen dicker. Die Präsenz, die der Mann in den lässigen Jeans, den Turnschuhen und dem sportlichen Hemd auf der Bühne ausstrahlt, ist aber noch bis in die hintersten Reihen zu spüren, er sprüht vor Charisma. Sicher, die Politik kommt nicht zu kurz und auch nicht sonderlich gut weg. Immer in Verbindung mit seiner Musik. Der Blues? "Sie wissen ja, der kommt aus Bayern", erzählt der Sänger. "Jahrelang erleben wir ihn dort schon unter Stoiber, sie haben ja zum Glück verhindert, dass der Blues bundesweit wird. Aber 60 Prozent in Bayern? Das ist ein Fall für die UNO." Das Publikum lacht und applaudiert, aber es ist keinesfalls nur ein Konzert zum Berieseln lassen, Mitdenken ist gefragt, um die komplizierten Gedankengänge Weckers verfolgen zu können.

Dabei fehlt es dem Mann keinesfalls an Humor, immer wieder lacht das Publikum inmitten der Liedzeilen, es hat aber alles auch einen ernsten Hintergrund. Um seinen kritischen Standpunkt zum Thema Anti-Terror-Krieg nach den Geschehnissen vom 11. September zu verdeutlichen, hat Konstantin Wecker einen alten Freund ausgegraben: "Willy." Mit dem Klassiker unter seinen Liedern besingt er das "Trauer-Management", das nach den schrecklichen Terrorangriffen "so wunderbar in Deutschland funktioniert" habe: "Kein Krieg kann je gewonnen werden und Frieden braucht Mut." Er sagt es so, mit so viel Nachdruck, dass einem der Schauer über den Rücken läuft. Der zweite Teil des Konzertes beginnt mit Lyrik und sanften Melodien, und mit "Sag nein - misch dich ein" folgt wieder die Aufforderung zum aktiven Handeln. Wecker kann auch anders: Ein italienischer Rocksong wirkt ganz leicht und befreiend, aber wer weiß, was er singt, den italienischen Text verstehen ja die meisten nicht.

In einer der vielen, vielen Zugaben (fünf oder sechs) besingt er auch sein gespaltenes Verhältnis zu "America"-Präsident George W. Bush, an dessen Politik er gar nichts finden könne: "Aber deine Neiki, die leik i." Ganz zum Schluss gab es dann für die echten Fans noch "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist". Und man sah nur begeisterte, zufriedene, aber auch hin und wieder recht nachdenkliche Gesichter beim Verlassen der Hugenottenhalle.

Anzunehmen ist auch, Konstantin Wecker ist zufrieden und hat erreicht, was er wollte: Seinem Publikum, das ihn wirklich unglaublich gefeiert hat, eine Freude bereitet und doch zum Nachdenken angeregt zu haben.