Vergebliches Warten auf den Überschwang

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

31.10.2002

Quelle

Mittelbayerische Zeitung

Autor / Interwiever

Thomas Rieke

Vergebliches Warten auf den Überschwang

Wecker zeigt sich im Regensburger Audimax gefestigt, aber auch nicht mehr so mitreißend

Von Thomas Rieke, Mittelbayerische Zeitung, 31.10.2002

Regensburg. Das Vaterland habe ihn wieder, den "echten" Konstantin Wecker, den politisch engagierten Seelensänger, den ambitionierten Kämpfer. "Mit alter Kraft und neuer Energie, mit neuen Texten und neuen Melodien ...", so verspricht der Veranstalter des Konzerts in Regensburg. Die "singende Barrikade" (Zitat Dieter Hildebrandt) also unverändert frisch und vital, ansteckend rebellisch und radikal?
Viele der Besucher im gut gefüllten, aber bei weitem nicht ausverkauften Audimax warteten am Dienstag gespannt darauf, ob sich ihre Erwartungen erfüllen würden. Ob es auch dem in die Jahre gekommenen Wecker (immerhin ist er jetzt schon 55) gelänge, ähnliche Euphorie zu erzeugen, wie in der vermeintlich guten alten Zeit (die ja für den Barden selbst keineswegs so gut war)?
Rückblende: Nicht wenige der einst getreuen Anhänger haben mit dem Liedermacher gebrochen. Mitte der 90er Jahre, als das ganze Elend des Drogenabhängigen zutage trat. Verhaftung. Untersuchungshaft. Finanzielle Schwierigkeiten. - Das tragische Ende eines Helden, den viele gerade wegen seiner Ungezügeltheit, seiner extremen Form der Lebenslust bewunderten, schien besiegelt. Dann die Heirat mit der um viele Jahre jüngeren Annik Berlin. Geburt seines Sohnes Valentin Balthasar. - Da war Wecker, obschon diese Ereignisse für ihn vermutlich die Rettung bedeuteten, bei einem weiteren Teil seiner "Verehrer" erst recht unten durch. "Auch das noch - jetzt macht er auf liebevoller Familienmensch ..."
Die Zeit heilt bekanntlich Wunden. Viele "Ehemalige" sind still und heimlich doch wieder zurück gekehrt. Im Audimax wird der Künstler mit starkem Beifall liebevoll empfangen. Die ersten Lieder "Vaterland" und "Im Namen des Wahnsinns" sind viel versprechend. Das einzige, was als großer Unterschied zu früher auffällt: Anstelle eines Bocksbeutels steht ein Glas Mineralwasser am Fuße des Flügels. Und der Sänger kommt bei allem Engagement kaum ins Schwitzen. In der Zeit, als er sich mit allen möglichen ungesunden Drogen voll pumpte (und damit kokettierte), flogen die Perlen bis in die ersten Reihen.
Nun, diesen Unterschied empfindet keiner als unangenehm. Denn die positive Kehrseite ist ja die, dass Wecker wieder richtig gesund aussieht. Was im Laufe des Abends tatsächlich vermisst wird, ist der berühmte Funke, der bei früheren Wecker-Abenden automatisch übersprang. Dazu kam es diesmal, obschon das Zusammenspiel zwischen Wecker und seinem Partner Jo Barnikel perfekt funktionierte, so richtig nie.
Ursachenforschung. Über mangelnde Würze in Weckers Texten braucht man sich nicht zu beklagen. Vor allem die USA, respektive Präsident Georg W. Bush bekommen gehörig ihr Fett weg. Im neuen "Willy", den Wecker noch einmal ausgegraben hat, weil ihm "so viel auf der Seele brennt", schafft es der Barde in zehn Minuten, fast alle großen Ungerechtigkeiten dieser Welt auf den Punkt zu bringen - und gewiss dem Großteil seiner Zuhörer aus dem Herzen zu sprechen.
Spätestens in der Zugabe, die Wecker gewährt, ohne sich lange bitten zu lassen, wird der Grund für die gebremste Begeisterung offensichtlich. "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist ..." - Nach nur wenigen Takten dieses Klassikers beginnt Wecker am Flügel zu improvisieren. Er tut dies leidenschaftlich und kunstvoll. Aber er tötet damit auch sofort jedes aufkeimende nostalgische Gefühl ab. Als wollte er auf diese Weise signalisieren: Hört, meine Lieben! Es macht keinen Sinn, in der Vergangenheit zu schwelgen. Nehmt bitte zur Kenntnis, dass auch ich mich weiter entwickelt habe. Die stehenden Ovationen am Ende kommen fast überraschend. Weckers Publikum beweist dadurch ebenfalls Größe. Es gibt Antwort: Wir haben verstanden. Wir haben Respekt vor deinem Lebenswerk. Und davor, wie Du im letzten Augenblick doch noch die Kurve gekratzt hast.