Einheizen in bitterkalten Zeiten

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

31.10.2002

Quelle

Der neue Tag

Autor / Interwiever

Anastasia Poscharsky-Ziegler

Einheizen in bitterkalten Zeiten

Konstantin Wecker begeistert mit seinen "Vaterland-Improvisationen" das Publikum im Regensburger Audimax


Von Anastasia Poscharsky-Ziegler

Regensburg. "Schaut´s her", sagten die Leute, "der Konstantin Wecker will wieder mal die Welt verbessern." Fast achthundert Besucher genossen am Dienstag im Audimax die Fortsetzung der "Vaterland-Tournee" des politischen Münchner Liedermachers mit seinem Alleskönnerpartner Jo Barnikel, der am Keyboard, mit Trompete und Flügelhorn, mit Gesang und Bass eine ganze Band ersetzte. Und sobald Wecker die Bühne betreten hatte, wurde der kühle Beton fast gemütlich, der Besucher zum Gast, das Konzert zum Wohlfühlabend unter Freunden.

Drei Stunden Programm

Der sympathische "Markenlose", der wirklich in zweistreifigen Sneakers und einer Blue Jeans ohne Label am Flügel sitzt, einem Bösendorfer (und hier setzt Wecker auf eine Marke, die in der öde steinwegig eingeebneten Konzertflügelwelt ein Klangwunder darstellt!) lädt sein alters- und outfitmäßig bunt gemischtes Publikum zu einem dreistündigen Vollblut-Musikfest ein. Da breitet doch einer tatsächlich alle menschlichen (der 55-Jährige spürt leicht das Älterwerden) und weltpolitischen Probleme vor sich aus - und man kann das dennoch entspannt genießen. Warum? Weil der Interpret, glücklich befreit von einem Albtraum, sprühend vor Lebensfreude, bajuwarisch sinnlich und politisch extrem kritisch mit Musik und Poesie über alles Grau hinwegträgt. Und auch das Wecker-Publikum ist einzigartig: einmal still konzentriert, lyrisch verträumt und dann wieder hellwach, reaktionsschnell, interagierend. Immer wieder gibt es Zwischenapplaus, wenn die ersten Takte eines Klassikers erklingen, wie etwa das 25 Jahre alte, ewig junge "Was macht die Sonne sich breit", oder das Durchbruchsstück "Willi" mit neuem Text. Beim tösenden Protest gegen braunen Sumpf "Misch dich ein - sag Nein!" bringt Wecker den Flügel fast zum Bersten, um Angst und Gleichgültigkeit in Mut und Handeln zu verwandeln.

Zeit für Neues

So routiniert der "alte Hase" Wecker in seiner Moderation, dem Lesen seiner lyrischen Texte und in schlafwandlerischer Sicherheit an den Tasten auch wirkt, es bleibt immer noch Zeit für Neues: Erstmals gemeinsam mit der Violinistin Agnes Grasmüller erklang ein Hannes-Wader-Song - noch etwas unsicher, aber der Weg sollte weitergegangen werden.

Und so hart Weckers Kritik am Afghanistankrieg, an der "verlogenen" Trauer um die Opfer des 11. September 01, an der Politik eines Dabbljuh Bush ist (etwa im "Waffenhändlertango"): Wecker kennt nur einen wirklichen Feind, und das ist der Tod, niemand anders. Konstantin Wecker war in Regensburg um die Welt zu verbessern. Das Resultat lässt sich denken. Aber es war den Versuch wert!