Die Verrückten liegen richtig

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

03.11.2002

Quelle

Frankenpost

Autor / Interwiever

Ralf Schiffers

Wecker in Hof: Die Verrückten liegen richtig


HOF - Das Haar ist grau und licht geworden, aber die Milde des Alters, die gibt´s bei ihm nicht. Konstantin Wecker, Urgestein der Liedermacher, zeigt sich höchst präsent, sehr politisch und kämpferisch in seinem neuen Programm ,,Vaterland - Improvisationen´´, mit dem er - begleitet von Jo Barnikel - am Mittwoch in der Hofer Freiheitshalle gastierte.
Und er kommt gleich zum Thema. Oft genug ist der Begriff des Vaterlands missbraucht worden: nicht zuletzt in den dreißiger Jahren, an die Wecker mit martialischem Rhythmus erinnert. ,,Was soll das noch, ein Vaterland, in den vernetzten Zeiten?´´, fragt er und setzt dem in zärtlichen Tönen die Heimat entgegen, in der die Kindheitserinnerungen liegen, wo wir uns zu Hause fühlen. Fast staunt er selbs,t festzustellen, dass Texte, die er vor 15 Jahren schrieb, noch heute aktuell sind und dass ,,Verrückte wie wir richtig liegen´´.

Seine Stimme hat dabei nichts an Kraft und Klang verloren. Intensiv, drängend singt er meist, unruhig auf der Klavierbank wiegend. In unmittelbar ansprechende, packende und anrührende Musik verpackt er seine Botschaften und hat dabei in Jo Barnikel einen kongenialen Begleiter. Der folgt ihm mit unglaublichem Feingefühl, macht sein Keyboard zum Zauberkasten, bereitet einen zuweilen kaum spürbaren, aber stets präsenten musikalischen Urgrund, auf dem Konstantin Wecker agiert.

Musikalisch schöpft Wecker, am Flügel, aus dem Vollen, streut mal eine Prise Blues, setzt mal einen Tupfer Tango, verliert sich in wunderbaren, zuweilen konzertanten Improvisationen, die freilich nur scheinbar verträumt sind. Immer ist die Musik ihm Medium seiner Aussagen, wenn er etwa mit Drehorgelmusik die Börsianer an den Pranger stellt. Nein, das Belanglose, Harmlose ist seine Sache nicht - und wenn er, der bekennende Alt-Achtundsechziger, sinniert: ,,Ich glaub, ich wer´ oid...´´, ist dies keine Suche nach menschlichen Unzulänglichkeiten oder den Widrigkeiten des Alltags, sondern eine nach den Zusammenhängen zwischen Früher und Heute, nach der sich wandelnden Aktualität.

Die Aktualität: Sie bezieht der Liedermacher auch auf den 11. September, von dem er seinem alten Freund Willy erzählt. Er scheint zu verzweifeln angesichts des Unrechts und der Brutalität, die an diesem Tag geschehen sind und Tausende von Menschen in Tod und Verzweiflung rissen. Doch das lenkt Wecker nicht ab von seiner Kritik an den USA und ihrem Präsidenten, dem die Deutschen nach den Attentaten - jedenfalls zunächst - so bereitwillig gefolgt sind: ,,Welche Freiheit verteidigen wir denn eigentlich - die des Gewissens oder doch nur die des Geldes?´´ Die Deutsche Bank und die Pharmakonzerne wünscht Wecker nach Liechtenstein und auf die Bahamas. Die Welt wird ihm zum Jammertal mit korrupten Fondsmanagern, Verbrechen an der Biosphäre, von Minen zerfetzten Menschen, Kindern mit Hungerbäuchen, Toten in Irak und Ruanda. ,,Tausende sind durch die Bomben der USA getötet worden´´ - da weiß Wecker sich eins mit sich selbst und mit seinem Publikum, das ihm mit Zwischenapplaus folgt.

Putin sei zwar auch nicht besser, sagt er; aber George W. sei mit Petrodollars an die Macht gekommen. Und als er singt: ,,Der wäre uns erspart geblieben, hätte man in Texas abgetrieben...´´, bleibt seinen Fans das Lachen im Halse stecken. Wecker gönnt den Zuhörern nur wenig Entspannung in diesem Programm, das zu dem musikalischen Aufschrei hinführt: ,,Sag nein!´´. Der 55-jährige vermag noch immer mitzureißen, zu begeistern. Politisch korrekt wollte er nie sein, und er ist sich selbst treu geblieben. RALF SCHIFFERS