Lustvoll trotzt Wecker dem Ungeist

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

07.11.2002

Quelle

Tiroler Tageszeitung

Autor / Interwiever

Liane Pircher

Einen charismatischen und starken Wecker erlebte das Publikum beim "Vaterland"-Konzert im Innsbrucker Hafen.

Von LIANE PIRCHER

INNSBRUCK. Bürgerlich ist er geworden, der Wecker. Verheiratet, zwei Kinder und kein Koks. Ein Lebenszustand, der ihm sichtlich wohl tut: Gut sieht er aus. Anders sind auch seine Konzerte geworden. Nicht, dass Wecker keine alten Lieder mehr spielt. Im Gegensatz zu seinem vorigen Innsbruck-Konzert (März 2000), packt er diesmal seinen alten Freund Willy aus - wieder einmal mit neuem Text.

Anders ist auch, dass Wecker sein ganzes Tun und Sagen auf der Bühne stärker vom Kopf als vom Bauch aus steuert und sehr politisch ist. Nach langjährigem Pazifisten-Dasein ist er zum Kämpfer geworden, kritisiert die Gesellschaft und - vor allem - Wirtschaft und Politik. In einer Welt, die geistig und emotional zunehmend verroht, will der 53-Jährige nicht leben. Kraftvoll bis zynisch zerschmettert er die "irrsinnige" US-Taktik "Krieg gegen Terror", analysiert die Folgen des 11. 9. samt der größer werdenen Kluft zwischen Arm und Reich und begegnet dem "dummen Gedudel im Privat-Fernsehen" mit geistvollen Gedichten.

Es folgen "Sag Nein", "Amerika", "Der dumme Bub" und der Tango "Wenn die Börsianer tanzen". Auf die Seite von namhaften Globalisierungsgegnern wie der kanadischen Autorin Naomi Klein ("No Logo") schlägt sich der Bayer mit "Die Neiki, die leiki". Halbwegs versöhnt mit der vor sich hinkränkelnden Welt ist Wecker nur, wenn es um die Liebe geht. Berührt ist er von der Zuneigung des Publikums.

Wecker freut sich sichtlich über minutenlange Ovationen und bedankt sich mit vielen Zugaben, etwa "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist". Es mögen zwar weniger Besucher als früher gekommen sein, diese sind dafür Ur-Weckerianer. Lob gebührt auch Weckers Begleitung, dem Pianisten Jo Barnikel. Lustvoll und schnell steigt er in seines Meisters spontane Eskapaden ein.