Konstantin Wecker - Tränenpalast Berlin, 03.11.2002

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

08.11.2002

Quelle

Bloom

Autor / Interwiever

Ralf

Ein Konzert von Konstantin Wecker ist für den Freund der deutschen Zunge gemeinhin ein Ereignis, auf das man sich freuen kann. Dass ich mit dieser Ansicht nicht alleine bin, zeigte die Zusammenkunft von gut 600 Leuten am 3. November ´02 im Berliner Tränenpalast. Wer sich an besagtem Datum in der ehemaligen Grenzübergangsstelle beim S-Bhf. Friedrichstrasse einfand, wurde für die immerhin 24 Euro pro Ticket mit einem Konzert beglückt, das man objektiv nur als gelungen bezeichnen kann.

Nach einer kleineren Abstimmungsschwierigkeit unter den Gästen in den vordersten Reihen - die einen wollten sitzen, die anderen stehen, wodurch sie natürlich den Sitzenden den Blick auf die Bühne versperrten, woraufhin sich letztlich doch die meisten hinstellten, Kommentar Wecker: "das kenn ich schon von anderen Konzerten, aber das müsst ihr jetzt selbst, basisdemokratisch lösen" - begann das Konzert um recht pünktlich um 21 Uhr. Der Tränenpalast hatte sich bis dahin mit Leuten aller Altersgruppen gut gefüllt und bot damit ein anschauliches Beispiel für die altersüberschreitende Verbindungskraft der Weckerschen Poesie.

Wie würde dieser Abend nun werden, fragte ich mich, nicht wirklich zweifelnd, aber doch erwartungsvoll. Mit "Vaterland", seiner im vergangenen Jahr erschienenen CD, hatte Wecker ja nach allzu langer Zeit wieder zu seiner alten Bissigkeit zurückgefunden, sich wieder auf das scharfe Wort als Waffe gegen politische und gesellschaftliche Widersprüche und Missstände besonnen. Und letztlich sollte das Publikum in dieser Hinsicht auch nicht enttäuscht werden. Schon vom ersten Stück an ist klar, dass dort vorne einer sitzt, der sich nicht mit dem Anschauen und Beschreiben begnügt. Wecker bringt die oft zu leise gestellten Fragen nach den Ungereimtheiten der globalen Politik auf den Punkt und politisiert, vor allem zu Beginn des Konzertes. Er eröffnet mit "Vaterland", dem Titelstück von Tour und CD, spannt dann den Bogen weiter über die aktuelle Irak-Problematik und entsprechende Positionen der Weltpolitik, und vergisst natürlich nicht "Willi", dieses traurig-kämpferische Lied der Anklage, das nun mittlerweile in der dritten Fortschreibung existiert. Die kurzen Pausen zwischen den Liedern weiß er mit persönlichen Ansichten, scharf formulierten Sarkasmen und ironischen Einwürfen zu füllen. Die Intention seiner Musik und seiner Texte wird bei "Ich singe weil ich ein Lied hab´" aus dem Jahre 1975 mehr als deutlich. Nicht um des Singens Willen oder um die Erwartungen irgendwelcher Dritter zu erfüllen, sondern weil er etwas zu sagen hat, auch wenn es unbequem oder schmerzhaft sein mag - es muss einfach raus.

Nach diesem politischen Beginn schlug er mit Hilfe des von Hannes Wader entliehenen "Schon so lang" einen Bogen zu eher persönlichen Texten, nicht ohne im Verlaufe des Konzertes regelmässig wieder auf die Politik zurückzukommen. Doch vorerst konnte man sich einem für Wecker typischen Wechselbad der Gefühle und Eindrücke hingeben. Mit Stücken wie "I wer oid", "Inwendig warm" und "Liebeslied im alten Stil" geht er zu intimeren Stücken über. Dabei zeigt sich wieder mal eine der Stärken Weckers, die Fähigkeiten Leute mitzuziehen, ihnen aus der Seele zu sprechen. Das gelänge ihm nicht, ohne die Authentizität, die er ausstrahlt. Man merkt, dass er wahrscheinlich nicht alles richtig gemacht hat im Leben, dass es Probleme und Brüche gab, die er aber nicht einfach unter den Tisch kehrte, sondern mit denen er sich letztlich auseinandersetzte.

Zu sich stehen, sich selbst kennen und dadurch ein echtes, ein wahres Leben führen - "es gibt kein richtiges Leben im Falschen" (Adorno) - das scheint das Credo des immer reifer werdenden Liedermachers zu sein. Auf den Punkt gebracht wird das in dem Lied "Alles das und mehr" das kurz gesagt davon handelt, dass man sich auch - oder vielmehr gerade - den unbequemen Dingen im Leben stellen muss, auch Gedanken, die meist ganz schnell wieder verdrängt werden, aus Angst sich zu blamieren, nicht mehr gesellschaftsfähig zu sein oder etwas ändern müssen. "Und wenn Du flüchtest, Du verbrennst, wenn Du es nicht beim Namen nennst" ist nur eine Metapher für die Notwendigkeit sich bestimmten Problematiken zu stellen, und auch zu akzeptieren, dass es immer mindesten zwei Seiten gibt, kein Glück, ohne Momente der Schwermut und der Not, "denn alles das und mehr, das ist das Leben".

Begleitet wird Wecker wie fast immer in den letzten zehn Jahren von seinem Freund Jo Barnickel, der das Keyboard und das Horn übernimmt und dabei wie immer eine glänzende Figur macht. Die Athmosphäre zwischen diesen beiden Musikern wirkt unglaublich intim, wie sie sich Blicke zuwerfen, die von großer Übereinstimmung und Vertrautheit gezeichnet sind. Das macht sich auch im Spiel bemerkbar und nicht umsonst ist Jo Barnickel laut Wecker "der einzige, der es schafft meinen musikalischen Eskapaden so schnell zu folgen". Mit seinem musikalischen Untermalungen schafft Barnickel die ideale Grundlage um Weckers gleichzeitig sanftes und kraftvolles Klavierspiel zu unterstützen. Ausserdem sind Norbert Nagel (Saxophon, Clarinette, Oboe) und Sven Faller (Bass) als musikalische Gäste dabei und für das Stück "D Zigeiner san kumma" zwei Zigeuner-Gitarristen, die, sichtbar aufgeregt, durch ein ausserordentliches Spiel begeistern.

Nach der Pause gibt Wecker eine Art Poesie-Medley zum Besten. Unterbrochen von Improvisationen präsentiert er eine Auswahl seiner Gedichte zu allen möglichen Themen. Später kommt er dann wieder zum konventionellen Konzertablauf zurück und gibt sich zusammen mit den Gästen dem gemeinsamen Spiel hin. Dem Spiel mit der Musik, mit der übertragenen Stimmung und der Energie der Performance. Die Musik geht ins Blut, wenn Norbert Nagel sich mit dem Saxophon der hohen Kunst des freien Spiels widmet. Die lockere Athmosphäre der Musiker auf der Bühne trägt ihren Teil dazu bei, auch die Stimmung der Leute im Publikum weiter anzuheizen, und so ist es nicht verwunderlich, dass die Zuhörerschaft nach Zugaben verlangt, denen Wecker natürlich nachkommt. Mit einem langsamen Ausklang - das letzte Stück erstreckt sich über ungefähr 15 Minuten subjektiver Zeitempfindung - beendet er das Konzert schliesslich nach etwas mehr als drei Stunden und lässt das Publikum mit dem Gefühl zurück, einem ausserordentlichen Ereigniss beigewohnt zu haben.

Ein Abend mit Konstantin Wecker und Gästen ist ein Abend für die Seele, für die Musik und für das gute Gefühl, dass man mit seinem Weltbild doch nicht so alleine dasteht, dass es da offensichtlich noch mehr Menschen gibt, denen Wecker ebenfalls die Worte vergoldet aus dem Mund nimmt.