Ich muss mich einfach einmischen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

07.10.2002

Quelle

Südtiroler Tageszeitung

Autor / Interwiever

Christoph Franceschini

Herr Wecker, verstehen Sie diese Welt noch?

Ich verstehe sie weniger, als ich früher glaubte, sie verstanden zu haben. Von der Ratio her ist mir klar, was passiert. Aber vom Herzen her verstehe ich sie nicht. Weil ich mit dieser unendlichen Gedankenlosigkeit, mit dem Leben umzugehen, einfach nicht klarkomme. Vom Verstand her ist es mir viel klarer als früher. Früher dachte ich ja noch, es gäbe ein Gegenmodell. Ich habe an irgend etwas geglaubt. Ich war zwar kein glühender Marxist, aber ich war als junger Mann dem Anarcholager zugeordnet und dachte mit einem glühenden Optimismus, es würde funktionieren, ein Gegenmodell zum Kapitalismus dieser Gesellschaft zu schaffen.

Heute glauben sie nicht mehr daran?

Ich glaube, dass es irgendwann ein Gegenmodell geben muss. Denn der Kapitalismus wird die Welt innerhalb kürzester Zeit systematisch zugrunde richten. Der Kapitalismus ist einfach das falsche Gesellschaftsmodell, da besteht überhaupt kein Zweifel. Ich glaube aber, der grösste Fehler ist, immer ein ideologisches Konzept bereit zu haben, mit dem man glaubt, schon wieder die Welt verändern zu können. Ich denke - und da bin ich mit vielen ehemaligen Linken im Clinch - es muss auch eine andere Spiritualität ins Spiel kommen. Es braucht eine andere Kraft des Geistes. Wir müssen uns wieder aufs Herz besinnen.

Die neue Herzlichkeit?

Nein, ich rede nicht von Emotionen, die alle gesteuert sind und Gefühlsduselei und so weiter. Platon sagte mal: "Die Krankheit aller Politiker ist die Ignoranz." Und damit meinte er die Unfähigkeit der Politiker, sich selbst zu erkennen. Das ist auch die Krankheit aller ideologisch streng gläubigen, politisch denkenden Menschen. Die Unfähigkeit, immer wieder über sich selbst nachzudenken, in sich selbst hineinzugehen. Wie Hermann Hesse sagt, "in die Höllenwelten seiner selbst hinabzusteigen". Politik muss man immer wieder in Verbindung bringen mit sich selbst. Wenn man den Fehler macht, das auszuklammern, dann verirrt man sich in ein gedankliches Modell, das im Endeffekt einen dazu berechtigen würde, lieber die ganze Welt zu vernichten, als dieses gedankliche Modell.

Schliessen sich Politik, so wie sie heute gemacht wird, und echte Selbsterkenntnis nicht von vorneherein aus?

Die schliessen sich aus. Das ist genau das, an dem wir leiden. Wenn wir jetzt wieder in einen Kampf Gut gegen Böse verfallen, dann hat das eine ungeheure Symbolkraft. Das ist ein richtiger Rückfall in die voraufklärerische Zeit, ein Rückfall in prärationale Gedankenmuster. Der ganze Liberalismus ist mit diesem Schlagwort eigentlich für die Katz. Es ist ja nicht nur ein Schlagwort, sondern man geht längst gegen das Böse vor. Das ist genau der Punkt: Wenn ich gegen das Böse kämpfe, schliesse ich aus, dass das Böse wie auch immer in mir weilt und mit mir zu tun hat.

Eine ganze Generation ist angetreten, um ein Gegenmodell zu schaffen. Diese Ihre Generation hat den Sprung an die Schalthebel der Macht geschafft, und jetzt fallen wir plötzlich in die Denkmuster der frühesten Nachkriegszeit zurück. Das ist doch frustrierend ...

Ja, das ist es schon. Ich möchte auch nicht in die Gefahr verfallen - wie es viele in meinem Alter tun -, dass man sich nur mehr um sich selbst kümmert. Zu sagen, ich schaffe mir einfach eine Insel, in der ich versuche, nach der Moral, die ich mir geschaffen habe, einigermassen gut zu leben. Ich sage das nicht zynisch. Aber ich denke, wenn man noch eine Stimme hat - wie ich ja noch eine habe - dann ist es fatal, wenn man einen Rückzug in seine eigene Welt macht.

In einem Ihrer schönsten Lieder heisst es: "Steh auf und misch Dich ein!"

Ich muss mich einfach einmischen. Ich habe das Gefühl, zur Zeit mischen sich kaum mehr Leute ein. Obwohl, wenn ich mit ihnen privat spreche, dann merke ich, dass sie gleich denken. Aber ...

Sie sagen: "Ich kann es mir nicht leisten, das öffentlich zu sagen" ...

Ganz genau. Sie sagen: Ich kann nicht. Ich treffe die dann auf keiner Demonstration. Das ist überhaupt absurd. Wenn heute jemand in meinem Alter demonstriert, dann ist er automatisch ein unbelehrbarer Alt-68er, der sowieso in die Kiste gehört und keine Ahnung von der Welt hat. Also, diesen Spott muss man einfach über sich ergehen lassen. Damit muss man leben.

Aber auch die Politik ist beliebig geworden. Sozialdemokratische Regierungen und Politiker wie Tony Blair oder Gerhard Schröder unterscheidet man nur mehr schwer von ihren rechten Kollegen ...

Wie weit geht die Gier eines Politikers, gewählt zu werden? Ich möchte gar nicht abstreiten, dass Schröder wirklich als Sozialdemokrat angefangen hat. Aber wieso kriecht ein Sozialdemokrat noch mehr in die wirtschaftlichen Betten hinein, als es die konservativen Regierungen machen. Hier sind wir wieder beim Konvertiten. Bei diesem Gefühl, beim Zeitgeist dabei sein zu wollen, ja nicht als alt zu gelten. Das ist auch so eine Angst.

Viele Ihrer Kollegen haben sich längst dem Zeitgeist verkauft. Sie wollen jung, cool und in sein. Sie gehen als Musiker einen absolut anderen Weg?

Da kommen viele Dinge zusammen. Wir sprechen jetzt über Politik, über die Welt und über Philosophie und Spiritualität. Und dann gibt es den leidenschaftlichen Künstler Konstantin Wecker, der eine ungeheure Sehnsucht hat, Musik zu machen. Sich musikalisch fortzubilden und trotzdem versucht, immer wieder seinen Möglichkeiten treu zu bleiben. Alles andere ist einfach unglaubwürdig. Nehmen wir an, ich würde plötzlich ein Rapper werden. Das würde nicht funktionieren ...

Es gibt genug Musiker, die diese Häutung versuchen ...

Also da muss ich ehrlich sagen: Ich bin jetzt 55 (lacht), und ich bin, wenn man es von der Musik her beschreibt, ein Melodiker. Ich kam von Verdi und Puccini her. Die meisten meiner Kollegen kommen vom Rock´n Roll oder von der Stones- und Beatles-Generation her. Aber ich war bis zu meinem 20. Lebensjahr nur in der Oper zu Hause. Ich habe erst dann so langsam die Rockmusik, die ich gar nicht so besonders mochte, aufgesogen. Und dann habe ich langsam über den Rhythm´n´Blues den Zugang zur populären Musik gefunden. Und später über den Jazz. Aber auch heute liegt bei mir auf dem Plattenteller 90 Prozent Puccini und 10 Prozent etwas anderes.

Es fällt auf, dass Sie bei Konzerten auf dem Klavier Ihre Texte liegen haben?

Ja, ich habe die Texte da, weil es vorkommt, dass ich so in der Musik aufgehe, dass ich ein absolutes Blackout mit dem Text habe. Das passiert mir sehr oft beim Imrovisieren. Deshalb habe ich zur Sicherheit die Texte da.

Sie sind vom Improvisieren fasziniert?

Das sind für mich nach wie vor die heiligsten Momente in meinem Leben. Ob sie zu Hause passieren oder auf der Bühne, wenn man die paar Minuten wirklich abdriften kann, wo einen einfach die Noten davontragen.

Wenn Sie hinter Ihrem Flügel sitzen, sehe ich einen Besessenen ...

Ja, das bin ich. In der Einheit mit meinem Klavier. Das habe ich erst in den letzten Jahren gemerkt. Immer, wenn ich bei meinen Konzerten aufstehe, kommt ein gewisser Abstand, auch Selbstironie ist da mit dabei. Da bin ich nie so direkt, als wenn ich beim Klavier bin.

In Ihrer Musik liegt eine unheimliche Zärtlichkeit. Eine Zärtlichkeit, die man in den Liebesliedern genauso spürt wie in den harten politischen Songs. Hinter dieser Zärtlichkeit schwingt Zerbrechlichkeit mit. Ist das Konstantin Wecker?

Das ist genau das, was ich in den letzten Jahren vor meiner Krise nicht mehr zugelassen habe. Für mich ist das Lied von der Schwermut ein Schlüssellied geworden, weil genau dieses Gefühl habe ich mir 20 Jahre lang nicht gestattet. Ich habe allen gesagt, gestatte dir deine Depression, deine Schwermut. Aber ich habe es nie auf mich bezogen. Das ist idiotisch: Man braucht immer wieder ein persönliches Erleben, um auch wirklich etwas zu verstehen, was man durchaus schon vorher anderen predigen kann. Dass ich einmal die Schwermut entdecke als wirklich lebenswichtigen Bestandteil meiner selbst, das ist wirklich neu. Das war für mich das überraschendste seit 20 Jahren.

Sie wollten das nicht zulassen?

Ich wollte es nicht zulassen. Das ist sicherlich dann auch ein Grund, warum ich so extensiv in die Drogen hineingerutscht bin. Als ich selbst es nicht mehr verdrängen konnte. haben es mir die Drogen verdrängt.

Und dann kam der schnelle Absturz ...

Das ist jetzt politisch überhaupt nicht korrekt, was ich sage. Aber ich konnte jahrelang eigentlich relativ vernünftig auch mit Drogen umgehen. Ich sage relativ, denn man kann nie wirklich vernünftig auch mit Drogen umgehen. Und erst am Schluss bin ich gescheitert und abgestürzt. Ich habe es über viele, viele Jahre hinweg immer wieder geschafft, mein Leben zu ändern, aus Erfahrung. Und plötzlich wollte ich mein Leben nicht mehr ändern. Ich begann eine Kopie meiner selbst zu werden. Diese innere Erkenntnis, die ich mir selbst nie ausgesprochen habe, die hat mir eigentlich den Todesstoss versetzt. Ab da wollte ich nicht mehr und dann begann dieser schleichende Suizid.

War es nicht auch die Last, als moralische Instanz gesehen zu werden. Die Last, ein Gutmensch zu sein?

Ich habe mich immer dagegen gewehrt, ein Gutmensch zu sein. Das ist mit der Zeit einem natürlich angedichtet worden, wenn man versucht hat, mit Liedern irgendetwas bewirken zu wollen. Ich habe versucht, eine Utopie zu verkünden. Ich habe immer gesagt, dass es auch für mich eine Utopie ist. Und auch heute noch eilen mir meine schönsten Gedanken voraus. Das sind ja nicht nur Gedanken. Es sind Bilder, die aus der Tiefe aufsteigen. Natürlich sind es Idealbilder, die auch verwirklichbar wären. Aber es hat noch nie irgend ein Künstler auf dieser Welt die Verpflichtung gehabt, mit seinen schönsten Ideen eins zu sein. Das kann man nicht. Das sind andere. Zum Beispiel Gandhi, der war eins mit dem was er geschrieben hat, was er getan, gesagt und wie er gelebt hat. Es gibt ausgesprochen bewundernswerte Personen.

Darunter auch Künstler?

Ob die Künstler dazugehören, das ist die grosse Frage. Ich glaube, die Künstler sind Vermittler zwischen den höchsten Ideen und der Realität. Die Künstler sind zerrissen zwischen dem, was sie wollen und nicht ganz können. Wenn man nicht spürt, dass ein Künstler Eier hat - also jetzt nicht im Macho-Sinn -, dass er verzweifelt von diesen inneren Qualen zerrieben wird, die alle Menschen haben. Wenn man das nicht spürt, dann würde man ihn als Künstler nicht mehr brauchen. Dann ist er vielleicht ein Heiliger.

In Ihren Liedern und auf der Bühne ziehen Sie sich nackt aus, durch Ihre Musik und Ihre Texte zeigen Sie Ihre intimsten Ängste und Gefühle. Wie hält man das durch?

Es gibt für mich gar keine andere Möglichkeit. Wenn ich das nicht tun würde, dann hätten auch meine Musik, meine Lieder und das, was ich mache, auch nicht mehr diesen Wert für mich. Denn eines ist klar: ich tue das nicht, um berühmt zu werden. Um Weltstar zu werden, da bin ich etwas zu alt. Natürlich tue ich es auch, um Geld zu verdienen, um leben zu können. Aber ich tue das ... Ich habe einmal geschrieben: "Ich singe, weil ich ein Lied hab". Das ist vielleicht bis heute der beste Ausdruck. Ich habe nie bewirkt, dass sich das System ändert oder dass Kriege aufhören, aber ich habe bewirkt, dass Leute mir sagen, dass ich mit meinen Texten und Liedern geholfen habe, ihr Leben zu verändern. Das ist das schönste, was man mitbekommen kann.

Mit Misserfolg leben kann jeder; wie schwierig ist es aber, mit Erfolg zu leben?

Ich glaube, der Erfolg ist einfach überbewertet. Vor allem ist ein Irrtum zu glaube, wer Erfolg hat, wird auch geliebt. Das kann ich aus tiefstem Herzen und aus Erfahrung sagen: Du wirst nicht mehr geliebt, du wirst mehr angeschleimt und du wirst eigentlich mehr gehasst. Das merkst du erst, wenn du unten bist.

So wie Sie im Knast?

Ja. Was ich mir nicht vorstellen konnte, dass sich so unendlich viele Leute gefreut haben, dass ich gestürzt bin. Ich merke immer mehr, wie begeistert die Leute sind, wenn ein Idol stürzt. Schauen Sie sich jetzt Boris Becker an. Früher haben sie ihn geliebt und freuen sie sich, dass er untergeht. Diese Gesellschaft liebt überhaupt nicht.

Diese Verlogenheit ist doch einer der Wesenszüge unserer Gesellschaft ...

Ich habe mich in den letzten Jahren gefragt: gibt es eigentlich gar nichts an der Gesellschaft, was ich eigentlich mag. Und ich muss Ihnen ehrlich sagen: Ausser Leuten gibt es nichts an dieser Gesellschaft, was ich mag. Ich finde sie wirklich katastrophal. Wir werden erzogen, dass wir der Feind des Nächsten sein sollen, wir werden erzogen, dass wir Konkurrent von anderen sein sollen. Wir werden erzogen, dass wir dadurch stark werden, indem wir andere erniedrigen. Das sind die Wesenszüge unserer Gesellschaft.

Wir können uns all dem aber entziehen?

Wenn wir es erkennen, können wir uns dem entziehen. Das wichtigste ist aber das Erkennen. Und wenn dann die Leute sagen: "Ach komm, lass uns doch mehr Spass haben." Ich hab auch Spass. Aber zum Wesen des Spasses gehört auch die Erkenntnis. Einfach nur Spass aus Verdrängen, das ist das gleiche, wie Drogen nehmen.

Die zweite Illusion heisst Reichtum ...

(lacht) Als ich 30 Jahre alt war, bin ich voll in die Kapitalismusfalle getappt. Ich wollte ein Rock92n92Roller sein mit allen Attributen, grosses Auto und so weiter. Lange war Geld für mich wichtig. Aber, und das war der zweite Segen an meinem Niedergang: Ich bin so auf die Schnauze gefallen, dass ich keine Angst mehr habe, den Wohlstand zu verlieren. Weil ich weiss, es macht nichts. Natürlich ist es nett, Geld zu haben. Ich sitze gerne in diesem Hotel hier. Aber ich weiss, dass ich es nicht brauche.

Sie sagen in einem Lied über Ihren Vater: "Du hattest Grösse, ich hatte Glück" ...

Ja, ich hatte das Glück von Anfang an, sobald ich auf einer Bühne stand, authentisch zu sein. Mehr noch als danach in der Garderobe. Ich habe in meinem ganzen Leben auf der Bühne weniger gelogen als ausserhalb der Bühne. Bis auf die letzten Drogenjahre, da war es umgekehrt. Da habe ich auf der Bühne gelogen, denn ich wollte einfach runter, um wieder Drogen zu nehmen. Da hat nichts mehr gestimmt. Aber mein ganzes Leben lang war ich auf der Bühne so direkt, wie ich es mir gewünscht hätte, den ganzen Tag über zu sein. Die Bühne ist für mich Erfüllung.

Mit dem Beifall als Balsam?

Der Beifall ist etwas Schönes, und es wäre fürchterlich, wenn die Leute buhen würden. Aber das Schönste war immer, die Musik als eine Leiter zu nehmen, um auszusteigen aus dem rationalen Irrsinn, den man sein ganzes Leben in sich ansammelt. Ich habe nichts gegen die Rationalität, aber ich bin der Meinung, dass wir immer wieder mal raus müssen aus der Rationalität, um zu erkennen, dass wir ein selbst umkreisendes Modell sind, das in sich zwar stimmig ist, aber nichts mehr zu tun hat mit der Wirklichkeit des menschlichen Daseins.

Im gängigen Wertekanon unserer Gesellschaft sieht das anders aus. An oberster Stelle steht die Ratio und das Herz an unterster ...

Und es müsste genau umgekehrt sein. Wir brauchen dringend die Ratio, aber wir dürfen sie nicht so vergöttern. Ich meine, wo hat sie uns hingebracht? Zu welchen Irrlehren hat sie geführt? Wir dürfen nicht vergessen, dass in den schlimmsten Zeiten des Hitler-Faschismus fast alle Wissenschaftler und Intellektuellen plötzlich zu Faschisten wurden. Der Verstand kann ganz schnell umschwenken. Und dann tun wir immer so, als wenn die Intellektuellen die Rettung der Welt wären. Ich kann das nicht nachvollziehen. Es sind eher die Dichter und es sind ...

Die Zerbrechlichen?

Ja, die Zerbrechlichen.