Der Nein-Sager

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

11.10.2002

Quelle

Frankfurter Allgemeine

Autor / Interwiever

Marc Peschke

Poesie und Politik interessieren Konstantin Wecker gleichermaßen. Doch Politik ist für ihn das Feld, wo es immer wieder "Nein!" zu sagen gilt. Weckers Lebensgeschichte ist lang, doch der Münchner Sänger und Musiker steht noch nicht lange wieder auf der Bühne - Drogenabsturz und Entziehungskur sind gerade ein paar Jahre her. Im Mainzer 3sat-Zelt präsentierte Wecker jetzt das Beste aus seiner gefeierten "Vaterland"- Tournee.

Kurz vor der Bundestagswahl hat ein Wecker-Konzert eine besondere Spannung - und schon mit dem ersten Lied stürzt sich der Musiker mitten ins Diskursgewühl: "Mir reicht mein Vater zur Genüge, ein ganzes Land als Vater war schon immer eine Lüge", singt Wecker. Der Künstler bohrt weiter, wo andere Liedermacher zurückschrecken, er nennt die Dinge beim Namen, schimpft über die Umwelt- und Außenpolitik der Vereinigten Staaten, über das "neoliberale Wirtschaftssystem", über die Banken und Pharmakonzerne, betreibt auch im 3sat-Zelt saftige Medienschelte, geißelt die Militäraktionen der Nato in Afghanistan, das "Trauermanagement nach dem 11. September" und fordert zum zivilen Ungehorsam in einem Land auf, das einem Überwachungsstaat immer ähnlicher sehe.

Zum "Vaterland" geht er bis heute auf Distanz, wenn er fragt: "Streubomben und Lebensmittel. Ist das die rechte Art, um der sogenannten unzivilisierten Welt unsere Zivilisation schmackhaft zu machen? Welche Freiheit verteidigen wir denn nun so vehement? Die des Geistes, oder vielleicht doch nur die des freien Marktes?" Dies alles erzählt Konstantin Wecker an diesem Abend nicht seinem Publikum, sondern vor allem dem "Willy", der Liedfigur des von Rechtsradikalen ermordeten Freundes, der Wecker seit Jahrzehnten begleitet.

Holzschnittartig und vereinfachend klingen manche Erklärungen Weckers. Auf dem Feld des Politischen ist er kein Meister des Feinsinns - doch kaum ein Musiker dieser Tage fühlt die Dringlichkeit sich zu Wort zu melden stärker als Konstantin Wecker. Wenn er über Fremdenfeindlichkeit singt, dann gerät sein Blut in Wallung, dann sieht man Abscheu in seinen Augen, und die Stille im Musikzelt wird unangenehm. Realpolitiker ist Wecker nicht, doch das ist als Künstler auch nicht seine Aufgabe. Die Maxime der Gewinnmaximierung, die Regierung scheint Wecker immer noch mit Inbrunst zu hassen. "Ob Stoiber oder Schröder, wir werden immer blöder", ulkt er ins Publikum, um nach dem "Börsianergedicht" Erich Kästners gleich den bissigen "Waffenhändler-Tango" anzuspielen, bei dem seine Mitspieler als näselnder Sängerchor agieren.

Ganz anders klingen Wecker und seine junge Band an Keyboard, Gitarre, Perkussion und Kontrabaß, wenn er von seiner Heimat singt, von den Sommertagen an der Isar, von dem Fluß, der ihm wichtiger ist als das Meer. Dann perlt sein Klavier weicher, die Töne verschleifen sich, aus der schmetternden Kehle wird eine brüchig-heisere, hohe Kopfstimme. Jetzt spielt Wecker sein schönstes Stück: "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist". Weckers Klavierspiel klingt jetzt wie der maritime Wellenschlag, ein ewiges, nichtendenwollendes Spiel, das keiner so beherrscht wie er.

Die Welt ist fett und warm bei Wecker und auch sein schon 1974 erschienenes Stück "Ich lebe immer am Strand" erzählt davon. "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen", zitiert Wecker an diesem Abend Adorno, doch sein eigenes Leben scheint das Diktum des Philosophen auf gewisse Weise zu widerlegen. Wie von Sinnen stürzt sich Wecker bis heute in dieses Leben, schwitzt und stampft auf der Bühne, ein Individualist, den alle lieben. Der Beifall will nicht mehr aufhören nach dem Konzert, denn Wecker ist auch ein Künstler, der das Gewissen beruhigt. Ein ewig lamentierender Kritiker der Verhältnisse, in denen man es sich selbst gerne bequem macht. (Das Konzert ist im 3sat-Zelt aufgezeichnet worden. Sendetermin ist im Dezember.)