Eine flotte Reise voller entzückender Ideen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

19.10.2002

Autor / Interwiever

Alexander Kinsky

Das gesteckt volle Ingolstädter Stadttheater ist fest in Kinderhand. Der Sound von einigen hundert Kinderstimmen sammelt sich zum erwartungsvollen Chor: "Anfangen, anfangen!" Dann hebt sich der Vorhang, und eine bezaubernde Märcheninsel liegt vor uns. Vorne, im geschickt mit Vorhängen simulierten Meer, schaukelt ein Seepferd. Als die Musik zu "Eine Insel mit zwei Bergen" einsetzt, erwacht die Insel Lummerland zum Leben. Und siebzig Minuten lang werden die Kinder im Bann gehalten durch die Reise von Jim Knopf, Lukas und der Lokomotive Emma bis zur Befreiung der Prinzessin Li-Si (nach einem Buch von Michael Ende, Musicalfassung Christian Berg und Konstantin Wecker). Die Inszenierung ist flott und voll entzückender Detailideen, die niemals platt wie in TV-Comics wirken, sondern menschliche Stärken und Schwächen kindgerecht-liebevoll einfangen. Die Bühnenbildideen sind wirklich gelungen. Die hohe chinesische Treppe etwa erlaubt witzige "Kettenreaktionen" der Chinesen darauf, und die wie eine Hexe im Puppenspiel schwebende Frau Mahlzahn kreist über dem erhöht postierten Käfig, in dem Prinzessin Li-Si gefangengehalten wird. Das Theater Ingolstadt bietet die Vorstellung in erster Linie für Schulen und Kindergärten an. Nicht zuletzt dies ist der Grund, das Musical für die Vormittagsvorstellungen auf siebzig Minuten zu straffen. Die Konzessionen wie Kürzung einiger Lieder und - noch auffallender - völliger Verzicht auf einen Spielmann und auf direkte Interaktion mit dem Publikum wirken auf Kenner des Originals deswegen nicht so gravierend, weil das temporeiche, einfallsintensive Spiel alle trotzdem in seinen Bann schlägt. Regisseur Jürg Schlachter, Bühnen- und Kostümbildner Konrad Kulke und die Mitwirkenden (Margret Gilgenreiner als Jim Knopf, Johannes Langer als Lukas, Martin Resch als König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte sowie Klaudia Schmidt, Nina Langer und Thomas Weber, wandlungsfähig in Nebenrollen) haben eine in ihrer Art gelungene Neuinszenierung auf die Beine gestellt, die im Dezember auch im freien Verkauf zu sehen sein wird (siehe www.theater.ingolstadt.de). Musikalisch wird großteils mit der üblichen Playbackbegleitung der Mitsingversionen gearbeitet, aber besonders schön sind das "Heimatlied" und "Tur Tur´s Lied" - mit Klavierbegleitung. Dem musikalischen Leiter Stephan Kanyar ist auch die hübsche Idee zu verdanken, das Lied "Eine Insel mit zwei Bergen", vom Seepferd dirigiert, vierstimmig in neuer Vertonung anklingen zu lassen. "Nepomuk´s Kanon" wird geschickt, wie nebenbei, a capella gebracht. Daß die Musik trotz der extremen Straffung gut zur Geltung kommt, liegt aber hauptsächlich an der Substanz von Konstantin Weckers Melodien (das "Auf Wiedersehen" ist immer wieder ein herrlicher Ohrwurm!), die auch als Marginalia noch zu zünden wissen. Die Premiere wird ein Super-Erfolg, die Kinder skandieren "Zugabe, Zugabe!", und so müssen sich die Mitwirkenden noch einmal verabschieden: "Auf Wiederseh´n, wann werden wir uns wiederseh´n, wieviel Tage werden vergeh´n, wie oft werd´ ich am Fenster steh´n, bis wir uns wiederseh´n ..."