Vorsicht, Drachenalarm!

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

19.10.2002

Autor / Interwiever

Anja Witzke

Ingolstadt (DK) "An-fan-gen, an-fan-gen", fordern Kindersprechchöre lautstark und minutenlang. Es ist zehn nach zehn und man will sofort, auf schnellstem Wege und überhaupt nach Lummerland. Wenn sich der Vorhang hebt, stellt sich sofort Ruhe ein: In Lummerland gibt´s viel zu gucken. Der goldene Schaukelstuhl samt rotem Telefon von König Alfons dem Viertelvorzwölften, der hölzerne Kaufladen von Frau Waas, Herrn Ärmels Fotoatelier samt Schön-Wetter-Prospekt, natürlich Emma, Lukas´ wunderschöne rot-grün-schnaufende Lokomotive und alle Untertanen. "Eine Insel mit zwei Bergen" eben - umgeben von Meer und mehr Meer, in dem vergnügt ein silbriges Plumpfischwesen paddelt.

Jürg Schlachter inszenierte das Musical "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" nach dem Kinderbuch von Michael Ende (Musik von Konstantin Wecker) im Großen Haus. Ein farbenfrohes Spektakel, das zuallererst von den märchenhaft schönen Bühnenbildern und den fantasievollen Kostümen Konrad Kulkes lebt. Regisseur Jürg Schlachter hat Christian Bergs Textvorlage klug gestrichen - zu einer kompakten Geschichte. Und mit seinem kleinen spiel- und singfreudigen Ensemble erzählt er dem aufmerksamen Publikum, wie Jim Knopf durch ein postalisches Versehen (hier rumst ein Päckchen mit voller Wucht auf das majestätische Haupt und verbiegt die güldene Krone) auf der Insel landete. Weil sich aber König Alfons der Viertelvorzwölfte Sorgen wegen der "Überbewölkerung" macht - ein König, eine Lokomotive, ein Lokomotivführer, zwei Untertanen und ein Jim Knopf, das sprengt das arg begrenzte Staatsgebiet -, begeben sich Lukas, Emma und Jim auf die Reise.

Die Insel verschwindet im wogenden Meer. Und schon hört man ein besorgtes Stimmchen aus den letzten Reihen: "Is scho au-us?" Keine Sorge, jetzt geht das Abenteuer erst richtig los. Das Trio (perfekt eingespielt: Johannes Langer, Margret Gilgenreiner und das schwimmende Schienenmobil) lernt dabei den Kaiser von China kennen (diese Episode dürfte kürzer sein), freundet sich mit einem Scheinriesen an (aus der Dunkelheit erklingt ein besserwisserisches: "Das ist doch der Dingsbums"), hilft einem frustrierten feuerungefährlichen Halbdrachen, besiegt den kinderhassenden Mahlzahn-Drachen und befreit eine leibhaftige Prinzessin aus dessen Fängen.

Wunderbare Welten hat Konrad Kulke da erschaffen: ein herrschaftliches Pagodenleiterchina, ein rotfauchendes Versteck-Vulkanien, ein düsteres Kummerland-Gefängnis. Und Jürg Schlachter legt nicht nur großen Wert auf einen klaren Handlungsverlauf, ein ausgeklügeltes Licht- und Schattenspiel und die Wandelbarkeit seiner Darsteller (fabelhaft fix: Thomas Weber, Klaudia Schmidt, Nina Langer und Martin Resch müssen mehrere Rollen beherrschen), sondern auch auf feine Details. Er inszeniert sogar die Übergänge und Umbauten mit viel Witz und Poesie, lässt Emma samt Segel im Miniformat auf riesigen Wogen rauschen, einen Wettermann mit Gießkanne, Miniventilator und Papierflocken auftreten und baut hübsche Gags ein wie die Lummerlandhymne, die zur Melodie des Bayernlieds ertönt, oder die Heimatinsel als beleuchteten Schattenriss B7 ein sehnsuchtsvoller Traum.

Wer nach dem 65-minütigen Theaterspaß noch nicht genug hat, darf sich erneut auf die Reise von Lummerland über China und Vulkanien nach Kummerland begeben - als Programmheft fungiert diesmal ein Spielbogen. Das Lied von der "Insel mit zwei Bergen" kann man ja selber singen.