Überlebenswerk mit Mut und Schwermut

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

02.08.2002

Quelle

Offenbach Post

Autor / Interwiever

C.Spindler

Überlebenswerk mit Mut und Schwermut
Hanau
Irgendwie wartet man bei Konstantin Wecker immer darauf, dass es dem Ende entgegen geht. Zugebenen, das ist stark übertrieben. Man wartet auf den zweiten Teil seiner Konzerte. Dann spielt er sie, seine bekanntesten Lieder, die bei Fans Kultstatus genießen; Songs wie "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist", "Sage nein!" oder das "Liebeslied im alten Stil". Das sind mitnichten Wiederholungen des immer Gleichen. Das ist höchst spannend. Denn es gibt kaum einen Künstler, der seine Werke in so vielen, stets neuen Arrangements aufführt.Das Warten auf den irgendwie vertrauten und dann doch wieder überraschenden Wecker ist aber auch unfair. Denn Wecker hat eine ganze Reihe von tollen neuen Songs geschrieben, die er bei seiner "Vaterland-Tour" präsentiert. Mit dem Programm war er am Dienstag im voll besetzten Amphitheater von Schloss Philippsruhe zu Gast.Es dauerte freilich bis nach der Pause, ehe die Intensität, die seine Konzert auszeichnet, so richtig spürbar wurde. Das mag daran liegen, dass seine hervorragenden Musiker Jo Barnickel (Keyboards), Gerd Baumann (Gitarre), Seven Faller (Bass) und Jens Fischer-Rodrian (Percussions, Gitarre), allesamt Multi-Instrumentalisten, anfangs zu arg in ein Korsett geschnürt waren. Da gab es Lieder mit mehr intellektuellen Reflexionen, mit zum Teil experimentellen, hin und wieder gar dissonanten Arrangements.Am stärksten ist Wecker, wenn seine Songs gleichermaßen aus Kopf und Bauch kommen. Etwa bei der neuen Version des jahrelang nicht mehr aufgeführten "Willy", mit dem er angesichts der Ereignisse nach dem 11. September gegen Krieg und vor allem - wie auch in "Amerika", einem seiner neuen Lieder - gegen die amerikanische Politik und den US-Präsidenten wettert. Beide kann er nicht leiden. Oder wenn er "Questa nuova realtà" in einer nur vom Piano begleiteten Variante bringt; selbst wenn die mitreißende Version mit Pippo Pollina beim legendären "Uferlos"-Konzert in Salzburg unerreicht bleiben wird.Weckers Arrangements sind vor allem bei den poetischen Werken etwas schärfer geworden, seine Melodiebögen auch bei älteren Stücken ("Ich lebe immer am Strand") nicht mehr so fließend. Bisweilen kokettiert der 54-jährige Münchner auch schon mal mit seinem Alter, um dann in das angeblich mit 50 beginnenden "Überlebenswerk", wie er seiner Freundin Lisa Fitz zu deren 50. Geburstag schrieb, einen wunderbar melancholischen und doch optimistischen Song über die Schwermut, die "Schwester des Glücks", einzureihen.Kein Zweifel, Konstantin- Wecker-Konzerte sind ein Erlebnis. Immer noch. Und immer wieder. Vor allem der zweite, emotional und musikalisch intensivere Teil des zweieinhalbstündigen Auftritts im Hanauer Amphitheater hat das eindrucksvoll bewiesen. Das Publikum unterstrich es mit stehenden Ovationen.