Der Stachel sitzt noch

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

02.08.2002

Quelle

Trierische Volksfreund

Autor / Interwiever

Christine Catrein

Der Stachel sticht noch
Konstantin Wecker macht auf seiner Vaterland-Tournee Station an der Nahe

Von unserer Redakteurin
CHRISTINE CATREIN


KIRN. Politische Statements und poetische Momente: Konstantin Wecker begeistert bei seinem Gastspiel in Kirn. Das Konzert war wegen des unsicheren Wetters kurzfristig von der Kyrburg in die Sporthalle verlegt worden.


Die Haare sind ein bisschen grauer, die Augen waren auch schon mal besser, und morgens vorm Spiegel wird der Bauch eingezogen. Alle sind ein bisschen älter geworden nicht nur Konstantin Wecker. So füllen auch eindeutig die mittleren Jahrgänge die Reihen in der Kirner Kyrauhalle wohin das Konzert von der romantischen Kyrburg wegen des unsicheren Wetters verlegt worden war.
Die Enttäuschung über die völlig unromantische Sporthallen-Stimmung ist jedoch schnell verflogen. Kaum erklingt passend zur schwülen Stimmung "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist", ist sie zu spüren: Diese Intimität zwischen dem charismatischen Menschenfreund und seinem Publikum. Erstaunlich, mit welcher Kraft und Leidenschaft dieser Mann auch nach 30 Jahren noch auf der Bühne steht, wie präsent er ist, kein bisschen müde im Gegenteil quirlig und hellwach. Nachdenklich, humorvoll, poetisch, verschmitzt, kokett, verwundbar: Dem Meister der Befindlichkeiten ist kein menschliches Gefühl fremd. Das ist eine Seite des Konstantin Wecker, für die ihn seine Fans verehren. Aber: Er ist auch wieder politisch, mischt sich ein, schickt deutliche Worte in die Welt. Die kritische Auseinandersetzung mit seinem Vaterland wird im Titelsong der Tournee und auf der neuen CD ebenso thematisiert wie seine Abscheu gegen Banken und Börsianer ("Wenn die Börsianer tanzen"), den amerikanischen Imperialismus, dem er den Song "Amerika" gewidmet hat und über die Perversitäten des Waffenhandels ("Der Waffenhändlertango"). Zum weltpolitischen Rundumschlag mit einer ebenso nahe liegenden wie nahe gehenden Konsequenz gerät der gute, alte "Willi". Angefangen beim Attentat vom 11. September bis zum Nahostkonflikt, sieht Wecker nur eine Lösung für globale Probleme und Konflikte: Die Welt ändert sich nur, wenn sich jeder einzelne ändert. Mehr als drei Stunden bietet Wecker zusammen mit seinen vier Musikern genau das, was die Fans von ihm erwarten: Politische Statements und poetische Momente, zumeist in neuem musikalischen Gewand. Frei nach dem Motto "einen schönen Menschen kann nichts entstellen" wirken die neuen Arrangements alter Titel erfrischend und zeitgemäß, und sind immer wieder für eine Überraschung gut: mal angejazzt, mal ein Blues, mal ein Swing oder auch die etwas härtere rockige Gangart. Kein Wunder, dass es einige Zugaben braucht, bevor ein erschöpfter Wecker die Bühne verlässt.
Ein bisschen älter sind halt alle geworden, aber auch wieder einmal zutiefst gerührt und dankbar, dass es immer noch einen Wecker gibt, der sich einmischt, der Gefühle so einfühlsam und treffsicher auf den Punkt bringt, und der es immer wieder (wenigstens für einige Stunden) schafft, den Stachel der Rebellion hervorzukitzeln.
Trierischer Volksfreund Lokales 1.8.2002