Leise Töne und klare Worte

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

03.08.2002

Quelle

Rhein-Zeitung

Autor / Interwiever

Petra Foede

Leise Töne und klare Worte


Konstantin Wecker suchte beim Konzert in Kirn den Kontakt zum Publikum - Musikalisch gereift

Von der ersten Minute gelang es Konstantin Wecker am Mittwochabend in Kirn, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Allerdings nicht auf der Kyrburg, sondern "nur" in der Kyrau-Turnhalle, weil Unwetter angesagt worden war. Der Begeisterung der Besucher tat das letztlich keinen Abbruch.

KIRN. Die Fans von Konstantin Wecker hatten sich am Mittwochabend auf ein Konzert vor der malerischen Kulisse der Kyrburg gefreut, doch daraus wurde nichts: Wegen Unwetterwarnungen war es in die Kyrau-Turnhalle verlegt worden. Die Prognosen hätten keine andere Wahl gelassen, bedauerte der Künstler. Natürlich konnte die nüchterne Halle das Burg-Ambiente nicht ersetzen, doch Wecker ist an jedem Ort ein Erlebnis.

Kurz nach neun kommt er in den Saal, geht nicht gleich auf die Bühne, sondern bleibt vor der ersten Reihe stehen und stimmt nach Erklärung der Wetterlage a cappella "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" an - der Funke springt sofort über. Wecker sucht im Laufe des Konzerts immer wieder den direkten Kontakt zum Publikum, verlässt seinen Flügel und das Podest, geht zu seinen Fans in den ersten Reihen. Der Liedermacher spult live nicht einfach routiniert sein Programm ab, sondern er lebt es, gibt vollen Einsatz. Von Ermüdung keine Spur. "Vom Schwitzen erinnert mich das heute Abend an Konzerte aus ganz alten Zeiten", sagt Wecker angesichts der Hallenwärme schmunzelnd.

Mit augenzwinkernder Selbstironie singt der mittlerweile 54-Jährige in "I werd oid" (Ich werde alt): "Ich föne mein Haar - dahin, wo es früher mal war". Melancholisch kommt "der Wedam" daher als bayerischer Blues. Minuten später dagegen blitzt wieder der Schalk aus Weckers Augen, wenn er im Duett mit Jens Fischer hüpfend und gestikulierend die Hip-Hop-Parodie "Der Fachmann" auf die Bühne bringt.

Insgesamt ist die "Vaterlandtour" aber eher von ernsten und nachdenklichen Tönen geprägt, zum lauten Protest hat sich leisere, dafür nicht weniger beißende Kritik gesellt. Auch vor deutlichen politischen Aussagen, etwa zur US-Politik, schreckt Wecker nicht zurück - ob sie nun "politisch korrekt" sind oder nicht.

Während der "Waffenhändler-Tango" im flotten Rhythmus die Rüstungsindustrie an den Pranger stellt, klingt "Wenn die Börsianer tanzen" musikalisch fast schwermütig, ebenso "Der Wahnsinn schleicht durch die Nacht". Im Titelsong "Vaterland" macht er sich Gedanken zu "Vater Staat" und Heimat.

Seinem alten Kumpel "Willy" erklärt Wecker die Weltlage nach dem Anschlag auf das World Trade Center: "Es ist Krieg, Willy." Und stellt, nach der weltpolitischen Einführung der "Achse des Bösen", die wichtige Frage: "Ist das Böse wirklich immer außerhalb von uns selbst - kann man es wirklich mit Waffen bekämpfen?"

Das begeisterte Publikum, teilweise weit angereist, erklatschte sich unermüdlich etliche Zugaben, darunter "Questa nuova realta" in perfektem Italienisch. Mit "Amerika" endete der Abend nach Mitternacht dann so nachdenklich, wie er begonnen hatte.

Petra Foede