Mixtur aus Poesie und Politik

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

06.08.2002

Quelle

Münchener Merkur

Autor / Interwiever

Susanne Reichlmaier

Konstantin Wecker trotzt dem Regen und begeistert Publikum

VON SUSANNE REICHLMAIER Fürstenfeldbruck - Mit Applaus holte ihn das Publikum auf die Bühne und mit stehenden Ovationen wollten ihn die Fans nach über drei Stunden noch immer nicht von der Bühne lassen: Konstantin Wecker beendete am Sonntag seine "Vaterland"-Tournee im vollbesetzten Fürstenfelder Stadtsaalhof.

In seiner unvergleichlichen Art präsentierte der Liedermacher eine perfekte Mixtur aus poetischen Momenten und politischen Statements. Zwar hätte sich Wecker ein Abschlusskonzert ohne Absperrungen und Zeltdach, dafür mit zirpenden Grillen und Vollmond am Himmel gewünscht, doch es regnete und regnete. Wie zum Trost stimmte er a cappella "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" an. Doch er ließ dem Publikum keine Zeit zum Träumen. "Was ist das nur, ein Vaterland ?", wollte er wissen.

Konstantin Wecker ist wieder da, stellt nach wie vor unbequeme Fragen und will sich einmischen. Und er tut es nach 30 Jahren im Musikgeschäft immer noch mit ungebrochener Inbrunst. Die alten Wecker-Songs haben nichts von ihrer Aktualität und ihrem Reiz verloren. "Im Namen des Wahnsinns", vor über 15 Jahren entstanden, belegte dies eindrucksvoll.

Höhepunkt des Konzertes war zweifellos sein Monolog über die politische Weltlage seit dem Terroranschlag von New York, gerichtet an sein Alter Ego Willy, zu Grabe getragen erstmals 1976. In einem bitteren Talking-Blues bezog der 55-Jährige vehement Stellung gegen Krieg, Gewalt und Terror. Neben der Weltpolitik kreiste Wecker um die eigenen kleinen Sorgen und Nöte. "Ich brauche keinen Psychiater, ich habe ja Sie", stimmte Wecker die Fans auf seine Seelenschau ein. "I werd` oid", schmetterte er nicht ohne Selbstironie, um sich gleich darauf dem "Wehdam" hinzugeben, dem bayerischen Synonym für Leid und Schmerz, der Urform des bayerischen Blues. Bevor es aber zu pathetisch wurde, ließ der Barde die "Börsianer tanzen", die Waffenhändler sich im Tango wiegen.

An Vielfalt fehlte es an diesem Abend nicht. Dabei kam ein ganz neuer Wecker zum Vorschein: der Entertainer. War er früher vor allem der Schwerstarbeiter am Flügel, hüpfte er jetzt gemeinsam mit Percussionist Jens Fischer-Rodrian bei der Heavy-Trash-Metal-Power-Pop-Reggae-Version von "Der Fachmann" hüftschwingend über die Bühne. Beim Rap "Es geht uns gut" entfuhr Wecker ein mitreißendes "Oh, I feel good". Bei seiner Swing-Hommage an Hanns-Dieter Hüsch erklangen sogar wie auf Kommando die Glocken der nahen Klosterkirche. Im Verlauf des Konzerts bekam Weckers Begleitband immer mehr Luft zum Atmen. In der Tat versprühten Joe Barnikel (Keyboards), Gerd Baumann (Gitarre), Sven Faller (Kontrabass) und Jens Fischer-Rodrian (Percussion) mitreißende Freude am Musizieren. Voll in seinem Element ließ sich auch Wecker treiben.

Nach seiner Aufforderung "Sage nein" hielt es das Publikum nicht mehr auf den Sitzen. Bei "Amerika" kamen sogar Leuchtstäbe zum Einsatz. Zugabe folgte auf Zugabe. Erst lange nach dem eigentlichen Ende des Konzertes verabschiedet sich Wecker endgültig und entließ ein begeistertes Publikum in die Nacht.