Ich bin aus dem Paradies herausgefallen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

17.08.2002

Quelle

Süddeutsche Zeitung

Autor / Interwiever

Hubert Filser, Hilmar Klute

Ein Sommermorgen im Englischen Garten. Schön warm, aber es gibt noch keine Getränke. Bis dahin muss Konstantin Wecker, 55, erklären, was das Schöne am Sommer ist, warum ein Verteidigungsminister auf Luftmatratzen schwimmen darf und was das Vaterland mit Mandelbäumen zu tun hat.

SZ: Herr Wecker, wir haben uns Ihr Werk angeschaut. Der Sommer ist bei Ihnen immer so erdenschwer.

Wecker: Wenn ich an Sommer denke, denke ich sofort an Kindheit. An Szenen mit Schnee kann ich mich kaum erinnern, immer nur an die Isar. Ich bin im Lehel groß geworden, am Mariannenplatz, direkt über der Brücke liegt die Praterinsel. Damals war dort unten an der Kiesbank ein Damm, von dem man ins Wasser springen konnte. Das war unser Lido. Und es gab die DLRG. Es war wichtig, dort Mitglied zu sein, man bekam die DLRG-Höschen. Wer die hatte, war absolut der Chef.

SZ: Wie alt waren Sie damals?

Wecker: Meine Mutter hat mich mit drei Jahren mit an die Isar genommen, was ich sehr mutig finde. Ich würde mich das mit meinen Kindern nie trauen. Sie hat mich in der reißenden Isar schwimmen gelehrt, wo ein Kind leicht davon geschwemmt wird.

SZ: Uferlos.

Wecker: (lacht) Genau. Wir wussten genau die Stellen, von denen man ins Wasser springen konnte, die Fremden nicht. Wenn wir gemein waren, haben wir es ihnen auch nicht gesagt. Als DLRG-ler konnten wir sie ja dann retten.

SZ: Klingt sehr entspannt. Trotzdem ist der Sommer in Ihren Liedern so schwer.

Wecker: Die Schwere kam erst nach der Kindheit. Ich war mit einer wunderschönen Knabenstimme begabt, mein Vater war Tenor. Wir haben zusammen die schönsten Liebesduette der großen Oper gesungen. Das ging bis zum Stimmbruch. Meine Erinnerung ist geprägt von dieser Leichtigkeit, von einem fast paradiesischen Zustand. In der Pubertät bin ich da brutal hinausgefallen. Die schöne Stimme war weg. Ich bin fast mit einem Schlag zum bösen Buben geworden. Da kam die ganze Schwere, die der Erdhaftigkeit und der Sünde. Ich bin aus dem Paradies herausgefallen.

SZ: Haben Sie den Fall durch Lektüre abgesichert? Mit Baudelaire?

Wecker: Ja, klar (lacht). Ich habe sehr früh angefangen, Gedichte zu lesen und zu schreiben. Mit elf Jahren kam ich auf Eichendorff und die deutschen Romantiker, habe auch die ersten Verse geschmiedet. In der Pubertät kam erstaunlicherweise vor Baudelaire der Trakl, dann Villon und der frühe Brecht. Trakl war für mich mit 13Jahren der Grund, das erste Mal von zu Hause auszureißen. Mit einem Schulfreund habe ich mich so hineingesteigert, wir wollten als freie Dichter leben. Gedichte lesen war wie eine Droge. Ich habe bis heute k einen intellektuellen Zugang zum Gedicht.

SZ: Wohin sind Sie abgehauen?

Wecker: Nach Augsburg. Wenn wir es wenigstens Richtung Süden probiert hätten. Es war Winter, wir hatten nichts zu schlafen und entschieden uns, es nochmal zu Hause zu probieren.

SZ: Tja, "genießen war noch nie ein leichtes Spiel".

Wecker: Das ist lustig, dass Sie das sagen. Ich habe mich kürzlich in einem großen deutschen Zitatenschatz mit diesem Satz wiedergefunden. Wenn man direkt neben Schiller und Goethe dann Wecker liest, macht mich das schon stolz. Ich bin jemand, der im Leben alles erfahren muss. Das ist ein Weg, der mich von einem Extrem ins andere peitscht.

SZ: Das ist der Zustand, in dem "die Welt dann wie ein Weib ist", oder?

Wecker: Es ist sehr schön, die Welt wie ein Weib zu sehen, wie etwas, das körperlich mit uns verschmolzen ist, was mit unserem Dasein zu tun hat. Dass bei mir ödipale Momente auftreten, wäre kein Wunder. Ich habe eine sehr starke Mutter.

SZ: Kommen wir vom Schweren auf das Leichte - Ihr Freund Rudolf Scharping hat den Sommer im vergangenen Jahr eher locker erlebt, mit Luftmatratze im Pool. Nach dem Afghanistan-Krieg haben Sie sich fast mit ihm überworfen.

Wecker: Wir haben nicht gestritten, aber es ist fast ein Ding der Unmöglichkeit, wenn der Freund eines Pazifisten Kriegsminister wird. Wir haben das Thema ausgeklammert. Das Amt bringt Veränderungen mit sich. Ich habe innerlich ein wenig jubiliert, als ich sah, dass er des Amtes enthoben ist.

SZ: Bei Scharping merkte man die Veränderungen durch das Amt.

Wecker: Allein, dass er auf diesem schrecklichen Zapfenstreich beharrt. Auch noch mit Fackelzug. Ich hoffe, er kommt jetzt wieder zur Besinnung. Ich weiß, wie einen Erfolg und solche Ämter verändern.

SZ: Wie haben Sie die Bilder mit Scharping im Swimmingpool erlebt?

Wecker: Da hatte ich das geringste Problem mit ihm. Ich habe ihn sogar noch angerufen und gesagt: Lieber Rudolf, du weißt, dass wir völlig gegensätzlicher Meinung sind, was den Krieg betrifft. Aber ich hoffe, dass sie dich wegen diesem Quatsch nicht fertig machen.

SZ: Aber würden Sie so Urlaub machen mit Luftmatratze im Pool?

Wecker: Nein, aber das muss man auch verstehen. Plötzlich blüht in ihm eine neue Liebe. Dann macht man vielleicht auch etwas auf der Luftmatratze im Swimmingpool. Ich habe damit kein Problem. Ich habe mit den Lügen im Kosovokrieg Probleme, ich habe damit Probleme, dass Auschwitz- Vergleiche herangezogen werden, um Deutschland wieder in einen Krieg hineinzutreiben.

SZ: Sie singen oft von Hormonen. Ist der Mensch gesteuert durch biochemische Vorgänge?

Wecker: Ich hätte mich immer als einen rein vom Geist gesteuerten Menschen gesehen und musste immer wieder erleben, dass das so nicht stimmt.

SZ: Lesen Sie wissenschaftliche Texte?

Wecker: Ja, was ich mir schon alles gekauft habe: Zum Beispiel Relativitätstheorie, leicht verständlich - in allen Variationen: für Idioten, für Vollidioten, alles habe ich probiert. Ich habe kaum einen Zugang dazu, aber ich kann es nicht lassen. Bei der Psychologie ist es anders, da lernt man eine Menge über die eigene Befindlichkeit. Kanzler Schröder hat mal wörtlich gesagt, er könne sich den Luxus der Selbsterkenntnis nicht leisten. Da steht er leider nicht allein.

SZ: Peter Rühmkorf hat gesagt: Ich hasse den Kapitalismus, aber nur hier bekomme ich all meine Drogen her.

Wecker: Ja.

SZ: Erlebt man den Sommer mit Drogen anders?

Wecker: Ich habe den ganzen Sommer über im Keller meines Hauses verbracht, und hatte Angst rauszugehen. Ein Sommersüchtiger wie ich wollte den Sommer nicht erleben. Du kannst nicht in der Sonne sitzen und Drogen nehmen.

SZ: Warum nicht?

Wecker: Vielleicht steht die Freundlichkeit des Sommers in einem Missverhältnis zu dem, was man tut. Es gibt auch körperliche Gründe, du schwitzt wie die Sau und alles ist grell. Du erträgst das Licht nicht, bist nur in deiner Innenwelt, die Außenwelt ist zu deutlich beschienen, man will sie nicht betrachten. Man will sich nur seiner Paranoia hingeben.

SZ: In der politischen Zeit waren Sie derjenige, der das kraftstrotzende Individuum herauskehrte.

Wecker: Ich war nicht beliebt bei den klassischen Politleuten damals und bin von verschiedenen kommunistischen Kadern gestört worden. Damals hat mir immer meine körperliche Präsenz geholfen, dass es nie allzu stark ausgeartet ist.

SZ: Sie haben die einfach weggeprügelt.

Wecker: Es gab einen gewissen Respekt vor mir.

SZ: Der Vorwurf lautete: Der ist doch ganz anders, als er schreibt.

Wecker: In meinen Liedern stehen Sätze, die ich nicht annähernd leben konnte, die ich aber gewusst habe.

SZ: Ist Sommer im Alter anders?

Wecker: Ja. Ich war kürzlich mit Freunden aus der Volksschulzeit auf einer Fahrradtour Richtung Bozen. Wir haben angefangen, uns zu überlegen, wie viele Sommer wir noch haben.

SZ: So etwas fragen Sie sich ernsthaft?

Wecker: Ja. Das werden Sie auch machen. Wenn Sie beginnen, die Jahre in Sommern zu zählen, wird es eng. Da fängt man dummerweise an, sich zu sagen: Jetzt blüht der Mandelbaum. Wie oft wird man diese Blüte noch erleben?

SZ: Gibt es den perfekten Sommer?

Wecker: April in der Toskana und München im Juli ist schon saugut. Das ist das perfekte Sommergefühl: die Berge, die Isar. Und Kiesel brauche ich auch. So unterscheide ich auch deutlich zwischen Heimat und Vaterland. Heimat hat mit Kindheit, mit Sprache zu tun und dem Ort, an dem du dir selbst begegnest.Gottfried Benn hat geschrieben: Die größten Gedichte sind Momente der Selbstbegegnung großer Leute. Auch der Leser begegnet sich selbst.

SZ: Das kann auch unangenehm sein.

Wecker: Das ist richtig.