Fürchte mich nicht vor dem Paradies

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

25.08.2002

Quelle

Kleine Zeitung

"Fürchte mich nicht vor dem Paradies"

Konstantin Wecker gastiert mit Variationen seines Erfolgsprogramms "Vaterland" in Österreich. Wir telefonierten mit dem engagierten Bayern.


VON WALTER TITZ


KONSTANTIN WECKER: Ja, hallo? Ah, da sind Sie ja, da hatten wir jetzt Probleme mit der Verbindung. Moment, ich stell´ nur die Musik ab.
Was hören Sie denn?
WECKER: Bayern 4, Rachmaninow.

Sie hören gerne Klassik?
WECKER: Überwiegend. Aber ich höre überhaupt nicht extrem viel Musik. Keinesfalls nebenher, als Hintergrund. Als Musiker bin ich dazu nicht in der Lage. Wenn Musik gut ist, muss ich konzentriert zuhören. Wenn sie schlecht ist auch. Dann ärgere ich mich darüber. Ich kann auch nicht schreiben neben Musik.

Hören Sie auch Zeitgenössisches, Popmusik?
WECKER: Ich höre gerne Übergreifendes, auch was so unter Weltmusik läuft. Noa finde ich sehr gut. Ich habe Gott sei Dank kompetente Informanten, die schon eine Vorauswahl treffen und mich auf Interessantes aufmerksam machen. Sonst ist man ja verloren in all dem Schrott, der so produziert wird.

Haben Sie deshalb ein eigenes Label gegründet?
WECKER: Auch. Die Musikindustrie ist derzeit wirklich arm dran.

Die Interpreten nicht?
WECKER: Ich persönlich hab´ das Glück gehabt, dass man mir nie dreingeredet hat. Ich würde aber gern jungen Künstlern eine optimale Plattform bieten.

Und eigenen Projekten?
WECKER: Natürlich. Aber konkret ist derzeit nichts geplant. Ich will offen bleiben, mir die Möglichkeit für das Chaos nicht verbauen, aus dem ja Spannendes kommen kann.

Sie haben soeben Ihre "Vaterland"-Tournee beendet. Ein Riesenerfolg bei Publikum und Kritik.
WECKER: Ja, das waren sechzig bis siebzig wirklich schöne Konzerte, auch eines im Wiener Gasometer.

Und Sie konnten dabei als kritischer Liedermacher gewissermaßen aus dem Vollen schöpfen. Was ist zurzeit Ihr Hauptanliegen?
WECKER: Den Menschen klar zu machen, dass wir uns eigentlich schon im Dritten Weltkrieg befinden. Wenn man sich anhört, was aus den USA an Parolen so kommt. Erschreckend ist, dass es kaum Gegenstimmen gibt. Man hat den Eindruck, es wird überhaupt nicht mehr über andere Möglichkeiten der Konfliktlösung nachgedacht.

Diesbezüglich werden Sie auch mit der deutschen Politik keine Freude haben?
WECKER: Es ist traurig, dass es ausgerechnet eine rot-grüne Regierung ist, die Deutschland zum kriegführenden Land macht. Die Grünen haben ihre Pazifisten einfach entsorgt, die SPD hat sich dem Großkapital angedient. Es ist paradox, dass ein Stoiber als Anwalt des kleinen Mannes auftreten kann.

Das ist keine erfreuliche Rot-Grün-Bilanz.
WECKER: Es gibt positive Entwicklungen in der Umweltpolitik. Und auch die Möglichkeit der Homo-Ehe ist keine Kleinigkeit. Hier zeigt sich eine wünschenswerte Haltung gegenüber Minderheiten.

Aber bezüglich des "Kriegs gegen den Terrorismus" sind Sie als potenzieller Grün-Wähler verstört?
WECKER: Absolut. In diesem entscheidenden Punkt haben die Grünen - die eigentlich nur noch eine Fischer-Partei sind - total versagt.

Da Sie die Umwelt angesprochen haben: Wie sehen Sie die Flutkatastrophen der letzten Wochen?
WECKER: Sie resultieren aus Versäumnissen der letzten zwanzig Jahre. Zumindest. Das Boot steuert auf den Abgrund zu und noch immer ist kaum jemand bereit, einem "Way of Life" der Verschwendung die Solidarität aufzukündigen. Ich habe zwei kleine Kinder und große Angst davor, sie einer Schule anzuvertrauen, in der sie nur hören, dass man sich durchsetzen muss, dass Erfolg das Allerwichtigste ist.

Aber es gibt auch Fachleute, die behaupten, es sei alles nicht so schlimm.
WECKER: Gekaufte Wissenschaftler hat es immer schon gegeben.

Was können Sie tun, um ein Umdenken zu bewirken? Ihr Publikum müssen Sie ja vermutlich nicht überzeugen.
WECKER: Was ich bewirken kann? Da habe ich keine Illusionen. Ich kann wahrscheinlich niemanden, der ganz konträrer Meinung ist, auf meine Seite ziehen. Aber ich kann einzelnen Menschen, die sich unsicher sind, Mut machen. Ich kann sie vielleicht zur Rückbesinnung auf sich selbst bringen. Denn die Veränderung des Einzelnen ist ganz sicher notwendig, wenn sich gesellschaftlich etwas verändern soll.

In Ihrem höchst lesenswerten Internet-Tagebuch tauchen im Sinne dieser Rückbesinnung häufig Ideen fernöstlicher Philosophie auf. Aber auch Gedanken von Meister Ekkehard, Texte von Hermann Hesse und Arno Gruen, speziell aus dessen 11.-September-Buch "Der Kampf um die Demokratie". Und immer wieder stößt man auf Zitate von C. G. Jung.
WECKER: Ja, Jung. Der hat mich mit der Psychologie versöhnt, der ich mich durch mein Psychologiestudium entfremdet habe. Ich meine, Freud hat seine Verdienste, aber er hat sich auch verrannt.

Zurück zu Ihrer Rolle als kritischer Entertainer. Sind Zeiten wie diese nicht viel anregender für Sie als wenn alles in Ordnung wäre?
WECKER: Also, ich fürchte mich nicht vor dem Paradies. Die Vorstellung, es sei dort nur langweilig, ist mir fremd. Ich würde dann halt ganz schöne, entspannte Lieder machen. Langweilig wäre das sicher nicht.

Konstantin Wecker präsentiert gemeinsam mit seinem langjährigen Keyborad-Spieler Jo Barnikel "Vaterland-Variationen" in Österreich:
31. August, 20 Uhr, Graz, Schloßberg-Kasematten;
1. und 2. September, 20 Uhr, Burgarena Finkenstein.

Karten: Tel. (0 31 6) 83 02 55,
(0 42 54) 51 05 11, (01) 96 0 96.

Internet: www.wecker.de

Hörtipp: "Vaterland live" (Ariola)